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Kolosser

Der Kolosserbrief (Kol)

Der Verfasser

Der Kol erhebt den Anspruch, von Paulus und Timotheus verfasst worden zu sein (1,1). Dieser Anspruch wird durch den handschriftlichen Gruß des Apostels in 4,18 unterstrichen. Nach 4,10 ist Paulus im Gefängnis (vgl. 1,24; 4,18).

In der Forschung zeichnet sich ein breiter Konsens darüber ab, die paulinische Verfasserschaft als literarische Fiktion zu betrachten. Der Kol steht den authentischen Paulusbriefen zwar sehr nahe, aber die Unterschiede sind doch deutlich. Sie betreffen vor allem die Christologie und die Eschatologie, wo der Autor des Briefes sehr viel stärker als Paulus mit räumlichen und kosmologischen Kategorien argumentiert. Deswegen kann er sagen, dass die Christen bereits mit Christus auferstanden sind (2,12f.; 3,1, vgl. dagegen Röm 6,4f.). Darüber hinaus zeigen die "Selbstaussagen" des Paulus im Kol, dass die apostolische Tradition bis zu einem gewissen Grad bereits als verbindliche Tradition betrachtet wird (vgl. auch die Aussagen zum Stichwort "Glauben" in 1,23; 2,5.7). Aufgrund dieser neuen Akzentsetzungen wird man den Kol auf einen Paulusschüler zurückführen können, der wohl aus dem Umfeld der Gemeinden im Lykostal stammt. Genauere Identifikationsversuche, z.B. Timotheus, müssen Spekulation bleiben.

Die Adressaten

Der Brief ist an die christliche Gemeinde in Kolossä gerichtet. Die Stadt liegt an einer wichtigen Handelsstraße in Phrygien, hat aber im 1. Jh. ihre Glanzzeit schon hinter sich. Die Gemeinde in Kolossä ist nicht von Paulus selbst gegründet worden, sondern geht auf seinen Mitarbeiter Epaphras zurück (1,7; vgl. 4,12f.; 2,1). Sie ist heidenchristlich geprägt (2,13; vgl. 1,21.27). Zumindest aus dem Umfeld der Gemeinde muss aber auch mit starken jüdischen Einflüssen gerechnet werden. Antiochus III. hatte in der Stadt Juden angesiedelt.

Die Empfänger des Kol werden ausdrücklich aufgefordert, mit der Gemeinde in Laodizea die Briefe zu tauschen (4,16). Außerdem wird die Gemeinde in Hierapolis erwähnt (4,13). Der Kol ist also in gewisser Hinsicht ein Rundschreiben.

Der Anlass des Briefes

Unmittelbarer Anlass für die Abfassung des Briefes ist das Auftreten einer Irrlehre, die in 2,8 als "Philosophie und falsche Lehre" bezeichnet wird, "die sich nur auf menschliche Überlieferung stützt". Zentraler Bestandteil dieser Lehre war offensichtlich die Beachtung der Weltelemente (2,8; vgl. 2,20), die vermutlich als personale Schicksalsmächte (vgl. die in 2,18 genannten Engel) betrachtet worden sind. Daneben werden asketische Speise- und Sexualgebote (2,16.21.23) und die Forderung nach Beachtung bestimmter Festzeiten (2,16) erwähnt. Auch Visionen spielen eine Rolle (2,18). Vielleicht darf man aus der Argumentation in 2,11f. (Taufe als geistliche Beschneidung) schlussfolgern, dass die Vertreter dieser Lehre die Beschneidung der Heidenchristen gefordert haben. Die religionsgeschichtliche Einordnung dieser Irrlehre fällt schwer. Sicher scheint, dass sich die Anhänger der "Philosophie" selbst als Christen verstanden haben. Sie haben allerdings bedeutende Anleihen bei der zeitgenössischen Volksfrömmigkeit gemacht. Darin sieht der Verfasser des Kol eine Abkehr von Christus.

Abfassungszeit

Die relativ große theologische Nähe zu den authentischen Paulusbriefen ist der einzige Hinweis zur Datierung des Kol. Im allgemeinen wird eine Abfassung zwischen 70 und 80 angenommen.

Vom Verfasser benutzte Traditionen

Übersicht: Grobgliederung des Kol

Der Kol folgt im Aufbau den authentischen Paulusbriefen. Das Präskript bildet eine deutliche Parallele zu 2Kor 1,1f. Die Grußliste im Postskript lehnt sich an Phlm an.

Der Verfasser nutzt für seine Argumentation intensiv die urchristliche Tradition. So zitiert er in 1,15-20 einen Lobpreis Christi (häufig als "Christushymnus" bezeichnet), der als Ausgangspunkt und Grundlage der Auseinandersetzung mit den Irrlehrern dient. Im paränetischen Teil werden lange Laster- und Tugendkataloge aufgenommen (3,5.8.12). Am Ende steht eine Haustafel, die nur wenig christlich überarbeitet zu sein scheint.

Briefanfang

Übersicht: Kol 1,1-11

Nach dem paulinisch geprägten Präskript dankt der Verfasser im Proömium für den Glauben der Gemeinde. Sie hat das wahre Wort des Evangeliums von Epaphras empfangen. Jetzt trägt es Früchte. Die Fürbitte richtet sich auf die vollständige Erkenntnis des Willens Gottes durch die Gemeinde und ein dem Herrn würdiges Leben der Christen.

Auseinandersetzung mit der "Philosophie"

Übersicht: Kol 1,12-2,23

Im Zentrum der Grundlegung für die Auseinandersetzung mit der Irrlehre steht ein in gehobener Prosa verfasster Lobpreis Christi, der ihn als Schöpfungsmittler und Versöhner des Alls rühmt. Sehr wahrscheinlich beschreibt der Text die anerkannte Tradition, auf die sich der Verfasser in seiner Argumentation beziehen kann.

Auch die Adressaten haben dieses Versöhnungswerk erfahren. Deshalb müssen sie am Glauben festhalten und dürfen sich nicht von der Hoffnung abbringen lassen. Grundlage der Hoffnung ist das Evangelium, das in der ganzen Schöpfung verkündigt worden ist.

Der Abschnitt 1,24-2,7 greift das paulinische Selbstverständnis auf, dass seine irdische leidende Existenz als Apostel dem Evangelium vom Kreuz entspricht (vgl. 1Kor 4,9-13; 2Kor 11,23-33 u.ö.) und er von Gott zu den Heiden gesandt ist (vgl. Gal 1,16 u.ö.). Die Leiden des Apostels sollen die Gemeinde stärken. Deshalb kann der Autor davon reden, dass Paulus "für den Leib Christi, die Kirche" leidet (1,24).

"Paulus" wendet die allgemeinen Ausführungen dann unmittelbar auf die Adressaten an. Sie sollen getröstet werden und in Liebe zusammenhalten, "um die tiefe und reiche Einsicht zu erlangen und das göttliche Geheimnis zu erkennen, das Christus ist". Niemand soll die Gemeinde durch Überredungskünste täuschen können.

Die eigentliche Auseinandersetzung mit der Irrlehre baut auf dieser Grundlage auf (2,8-23). Ihre Anhänger stützen sich nur auf menschliche Überlieferung und berufen sich auf die Elementarmächte, nicht auf Christus (2,8). Dagegen verweist der Verfasser des Kol auf das Heilswerk Gottes durch Christus, das den Christen in der Taufe zugesprochen worden ist. Die asketischen Forderungen der Irrlehrer werden mit Hilfe von antiken anatomischen Kenntnissen zurückgewiesen. Dahinter steht die Vorstellung von der Kirche als Leib mit dem Haupt Christus (vgl. 1,18).

Paränese

Übersicht: Kol 3,1-4,1

Wieder beginnt der Verfasser mit einer kurzen theologischen Grundlegung. Die Auferweckung mit Christus in der Taufe erfordert ein Streben nach den himmlischen Dingen, denn die Offenbarung des Lebens der Christen erfolgt erst mit der Offenbarung Christi (in der Parusie).

Deshalb sollen die Adressaten alles Irdische an sich "töten", denn es fordert den Zorn Gottes heraus. Sie sind zu einem neuen Menschen geworden und sollen entsprechend leben. "Wo das geschieht, gibt es nicht mehr Griechen oder Juden, Beschnittene oder Unbeschnittene, Fremde, Skythen, Sklaven oder Freie, sondern Christus ist alles und in allem." (3,11; vgl. Gal 3,28)

Die Haustafel, die die Paränese abschließt, richtet sich an die paarweise zugeordneten Gruppen Frauen/ Männer, Kinder/ Väter und Sklaven/ Herren. Alles, was angeordnet wird, soll "im Herrn" geschehen (3,18.20; vgl. 3, 23; 4,1). In 3,24b.25 ist die traditionelle Haustafel um die Mahnung, dem Herrn Christus zu dienen, erweitert.

Briefschluss

Übersicht: Kol 4,2-18

Die Schlussparänese (4,2-6) mahnt zum Beharren im Gebet und zur Fürbitte für den Apostel. Außerdem wird zur Weisheit und Schlagfertigkeit im Umgang mit Außenstehenden aufgefordert.

Grüße und letzte Anweisungen schließen den Brief ab (4,7-17.18). Bei vielen der genannten Personen werden ausdrücklich ihre Verdienste genannt. Wichtig ist die Anweisung, den Kol und den an die Gemeinde in Laodizea geschriebenen Brief miteinander auszutauschen. Hier werden wohl erste Ansätze zur Entstehung einer Sammlung von Paulusbriefen sichtbar.

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