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2. Korinther

Der 2. Korintherbrief (2Kor)

Übersicht: Grobgliederung des 2Kor

Der 2Kor als Zusammenfügung mehrerer Briefe

Der 2Kor ist in der überlieferten Gestalt vermutlich kein einheitlicher Brief. Er ist durch die Zusammenfügung von (eventuell sogar mehr als) zwei ursprünglich selbständigen Briefen entstanden, die Paulus an die Korinther geschrieben hat. Das ist vor allem daran erkennbar, dass im 2Kor ganz unterschiedliche Situationen vorausgesetzt werden. Ein starker Bruch ist zwischen den Kap.9 und 10 zu beobachten. Während Paulus in Kap.8f. für die Kollekte zugunsten der Jerusalemer Gemeinde wirbt – und doch offensichtlich auf Erfolg hofft (9,1f.) –, zeugen die Kap. 10-13 von einem äußerst gespannten Verhältnis zwischen dem Apostel und der Gemeinde. Paulus argumentiert polemisch, z.T. sarkastisch, gegen fremde "Überapostel" (11,5; 12,11), unter deren Einfluß die Gemeinde geraten ist. Diese Fremdmissionare werden schon vorher im 2Kor erwähnt (2,17; 3,1; 5,12). Dort setzt sich Paulus aber mittels einer in ruhigem Ton argumentierenden Verteidigung seines Apostolats mit ihnen auseinander. Die Eingangspassagen des 2Kor schließlich setzen voraus, dass das Verhältnis zwischen dem Apostel und der Gemeinde nach einem zwischenzeitlichen Zerwürfnis wieder intakt ist (1,12-2,11).

Wir können also aufgrund der vorausgesetzten Situationen zunächst zwei Briefe (bzw. Brieffragmente) aus dem 2Kor rekonstruieren:

  • eine (polemische) Verteidigung des Apostolats: Kap.10-13 (häufig mit dem von Paulus in 2,4 erwähnten "Tränenbrief" identifiziert)
  • ein in versöhnlichem Ton gehaltener Brief, der auch die Kollektenfrage behandelt: Kap. 1-9.

Unsicher und in der Forschung umstritten ist, ob auch die Apologie des paulinischen Apostolats in 2,14–7,4 Teil eines ursprünglich selbständigen Briefes war. Dafür spricht die Unterbrechung des Reiseberichtes nach 2,13, der dann in 7,5 weitergeführt wird. Dagegen wird das argumentative Gesamtkonzept der Kap. 1-9 ins Feld geführt. Wenn 2,14–7,4 als selbständiges Brieffragment angesehen wird, wird es chronologisch vor den Tränenbrief eingeordnet.

Abfassungszeit

Die Korrespondenz des 2Kor ist zwischen Sommer 54 und Frühjahr 55 anzusetzen.

Literarischer Charakter

Die Grobgliederung des 2Kor zeigt, dass er weithin apologetischen Charakter hat. Alle seine Teile sind von dem Bemühen des Apostels geprägt, sein von der Kreuzestheologie her entwickeltes Apostolatsverständnis gegen die "Überapostel" zu verteidigen.

Briefanfang

Übersicht: 2Kor 1,1-11

Der 2Kor ist an die Gemeinde in Korinth und an alle Christen in der Provinz Achaia gerichtet (1,1f.). Diese erweiterte Adresse wird verständlich, wenn man die Kollektenkapitel (8f.) berücksichtigt.

Die Danksagung (1,3-7) preist Gott als den Tröster im Leid.

Den Grund für diesen Lobpreis nennt Paulus in der brieflichen Selbstempfehlung (1,8-11), die auf eine große Bedrängnis des Apostels – vermutlich eine Gefangenschaft in Ephesus – zurückblickt (1,3-11).

Apologie des Apostels und Beginn des Reiseberichtes

Übersicht: 2Kor 1,12-2,13

Der gesamte Abschnitt nutzt weiterhin Elemente der brieflichen Selbstempfehlung, bietet dabei aber eine Art Rechenschaftsbericht.

In der Begründung seiner Handlungsweise (1,12-2,4) betont der Apostel zunächst, dass er aufgrund der göttlichen Gnade in Aufrichtigkeit und Lauterkeit gegenüber der Gemeinde gehandelt hat (1,12-14). Dann begründet er die Änderung seines ursprünglichen Planes, die Gemeinde erneut persönlich zu besuchen. Diese Änderung geschah nicht aus Wankelmut, der dem Wesen Christi nicht entspräche, sondern um die Gemeinde nicht zu betrüben.

Statt dessen hat Paulus der Gemeinde "aus großer Bedrängnis und Herzensnot, unter vielen Tränen" einen Brief geschrieben (1,15-2,4).

Er bittet für ein Gemeindemitglied, das den Apostel – vermutlich bei einem Besuch der Gemeinde – "betrübt" hat. Der in 2,4 erwähnte Brief hat bewirkt, dass derjenige durch die Mehrheit der Gemeinde verurteilt worden ist. Paulus mahnt zur Liebe und Verzeihung, denn auch er hat verziehen (2,5-11).

In 2,12f. beginnt Paulus mit der Schilderung seines Reiseweges.

1. Apologie des paulinischen Apostolats

Übersicht: 2Kor 2,14-7,4

Eine erneute Danksagung unterbricht den Reisebericht (2,14a). Der Dank gilt Gott für den Triumphzug Christi, dessen Mittel Paulus ist (2,14b-16a). Dann stellt Paulus die entscheidende Frage, auf die er in vier Durchgängen antwortet: "Wer aber ist dazu fähig?" (2,16b).

1. Paulus hat das Evangelium ohne geschäftliche Interessen verkündigt. Die Korinther haben durch ihn die Macht des Evangeliums erfahren. Deshalb sind sie die Empfehlung des Apostels und er braucht keine mit Tinte geschriebenen Empfehlungsbriefe (2,17-3,3).

2. Gott selbst hat Paulus zum Dienst am Neuen Bund des Geistes befähigt. In diesem Dienst erstrahlt die Herrlichkeit des Bleibenden im Gegensatz zum vergänglichen Dienst am tötenden Buchstaben (3,4-11; beachte 3,6).

3. Die Hoffnung auf diese bleibende Herrlichkeit befreit den Apostel zu freimütigem Auftreten (3,12-18; beachte 3,17).

4.) Deshalb lehrt Paulus offen die Wahrheit. Das Evangelium erleuchtet die Herzen der Glaubenden (4,1-6; Wiederaufnahme von 2,14-16 am Ende --> Ringkomposition).

Der lobpreisenden Beschreibung der Herrlichkeit Christi (2,14-4,6) setzt Paulus die Niedrigkeit der apostolischen Existenz entgegen (4,7). Der Apostel macht in seinem Leiden die Erfahrung, von Gott nicht verlassen zu sein. Darin offenbart sich das Leben Jesu. Paulus lebt diese apostolische Existenz aus der Gewissheit der Auferstehung und um der Gemeinde willen. Gott gibt die Kraft, in der irdischen Leidensexistenz zu bestehen. Der Geist ist als Angeld künftiger Erlösung gegeben worden (4,7-5,10).

Gott hat in Christus die Welt mit sich versöhnt. Ein neuer Anfang, eine neue Schöpfung, ist im Kreuzesgeschehen gesetzt worden. Der Apostel ist in seiner leidenden Existenz Gesandter an Christi statt. Deshalb kann er im Namen Gottes zur Versöhnung mit ihm rufen und die Gnade verkündigen (5,11-6,2).

Der Dienst des Apostels entspricht also in seinem Wesen dem Handeln Gottes im Kreuz Jesu Christi. Darin erweist Paulus sich als wahrhaftiger Diener Gottes (6,3-10).

Am Ende steht die dringende und zuversichtliche Bitte an die Korinther, den vorgetragenen Argumenten zu folgen (6,11-7,4).

Fortsetzung des Reiseberichtes und Appell zur Fortsetzung der Kollekte

Übersicht: 2Kor 7,5-9,15

In 7,5 setzt Paulus den in 2,12f. begonnenen Bericht fort. Er schildert seine Beglückung durch den Erfolg des Titus, der wohl den in 2,4 genannten Brief überbracht hatte. Die Gemeinde hat sich ganz auf die Seite des Apostels gestellt (7,5-16).

Paulus mahnt die Gemeinde in Korinth, die Sammlung für die Jerusalemer Gemeinde (die Heiligen) abzuschließen. Dazu stellt er ihr das Beispiel der Gemeinden in Mazedonien vor Augen. Titus ist bereits mit zwei Begleitern abgereist, um die Gaben in Empfang zu nehmen. Sie werden der Gemeinde von Paulus dringend empfohlen (8,1-24).

Dann weitet Paulus den Blick auf die gesamte Provinz Achaia. Hier ist die Kollekte schon abgeschlossen und die drei Genannten sollen das zusammengekommene Geld auch dort einsammeln. Mit ihren Gaben für die Jerusalemer danken die Gemeinden Gott für seine Gaben an sie. Die empfangende Gemeinde wird sich den Gebern im Evangelium Christi verbunden wissen und Gott dafür preisen (9,1-15).

2. Apologie des paulinischen Apostolats

Übersicht: 2Kor 10,1-12,13

Die zweite im 2Kor enthaltenen Apologie ist möglicherweise mit dem "Tränenbrief" (2,4) identisch. Sie enthält die wohl eindrücklichste uns überlieferte Argumentation des Apostels zugunsten seiner Auffassung vom Wesen des Apostelamtes.

Zunächst verteidigt er sich gegen die Vorwürfe seiner Gegner (10,1-11,15). Ihm wird vorgehalten, er sei in seinen Briefen gewichtig und stark, aber sein persönliches Auftreten sei matt und armselig. Dagegen betont Paulus seine von Gott gegebene Fähigkeit "alle hohen Gedankengebäude nieder(zureißen), die sich gegen die Erkenntnis Gottes auftürmen" (10,5). Er droht mit machtvollem Auftreten bei einem erneuten Besuch (10,1-11).

Die Gegner legen einen fremden (menschlichen) Maßstab an und empfehlen sich selbst (rühmen sich). Paulus aber ist als erster mit dem Evangelium Christi zu den Korinthern gekommen und vom Herrn empfohlen (10,12-18).

Paulus ist der Gemeinde nicht zur Last gefallen. Das wird ihm jetzt zum Vorwurf gemacht. Er habe nur deshalb nichts genommen, da er ein rhetorischer Stümper sei. Er aber wollte die Gemeinde nur zu Christus führen (11,1-15).

Im Laufe dieses Eingangsteils steigert sich die Polemik des Paulus gegen die fremden Apostel. Werden ihre Vorwürfe zunächst nur polemisch genannt (10,2.7), folgt in 10,12f. bereits eine scharfe persönliche Attacke (vgl. 11,5), die dann am Ende in den Vorwurf mündet, sie seien "Lügenapostel" und Handlanger Satans (11,13-15).

Im Zentrum der zweiten Apologie steht die "Narrenrede" (11,16-12,13). Paulus lässt sich sarkastisch auf die Maßstäbe der Gegner ein und führt sie zugleich von seiner Theologie her ad absurdum.

Zunächst bittet er die Gemeinde, ihn als prahlenden Narren gewähren zu lassen. Sie ertragen ja auch das Treiben der fremden Apostel. Dann fällt das entscheidende Stichwort der "Schwachheit" (11,21a).

Haben sich die Gegner ihrer Stärken gerühmt, so rühmt sich Paulus in einem ganzen Katalog von Leiden (Peristasenkatalog) seiner Schwachheiten (11,21b-33). Seine Geisterfahrungen (Entrückung) schildert er dagegen wortkarg und distanziert in der dritten Person.

Paulus wird durch seine Krankheit daran gehindert, sich zu überheben. Er hat darüber mit Gott gerungen und die für ihn entscheidende Offenbarung erhalten: "Meine Gnade genügt dir; denn sie erweist ihre Kraft in der Schwachheit."(12,9). In der Schwachheit des Apostels erweist sich die Kraft Christi als mächtig.

Am Schluss der Narrenrede weist Paulus darauf hin, dass auch seine Wirksamkeit in der Gemeinde von den Zeichen der Apostel begleitet war. Die Gemeinde soll ihm das "Unrecht" verzeihen, ihr nicht zur Last gefallen zu sein.

Briefschluss

Übersicht: 2Kor 12,14-13,13

In der Ankündigung seines dritten Besuches spricht Paulus die Befürchtung vor erneuten schweren Auseinandersetzungen und Demütigungen aus. Er will aber zur Erbauung der Gemeinde wirken und erwartet, dass die Gemeinde sich selbst zurecht bringt und erneuert. Von den Gegnern ist keine Rede mehr. Die gesamte Schlussparäneseõ hat einen stark werbenden Unterton (12,14-13,11).

Ein stilgerechtes Postskriptõ (13,12f.) schließt den Brief ab.

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