Als Verfasser des Jud wird im Präskript Judas, Bruder des Jakobus genannt (1). Dieser Bruder Jesu erscheint sonst nur in der synoptischen Tradition (Mt 13,55; Mk 6,3). Es gibt allerdings gewichtige Gründe gegen die Authentizität der Verfasserangabe. Der Traditionsbegriff des Jud (vgl. 3.20) gehört eindeutig in die nachapostolische Zeit. Der Autor weist zudem selbst auf den zeitlichen Abstand zu den Aposteln hin (17). Der Jud dürfte also den Namen des Herrenbruders benutzt haben, um sich so indirekt auf die Autorität des Jakobus beziehen zu können. Über den Autor läßt sich wenig mehr sagen, als daß er wohl Judenchrist war, denn er benutzt apokryphe und pseudepigraphe jüdische Traditionen.
Unmittelbarer Anlaß für die Abfassung des Jud ist das Auftreten von Irrlehrern bei den Adressaten. Der Briefschreiber wirft ihnen vor, daß sie die Macht des Herrn mißachten und die überirdischen Mächte lästern (8). Außerdem unterstellt er den Abhängern dieser Lehre, daß sie ein "zügelloses Leben" führen würden (4). Der Vorwurf eines sittenlosen Lebenswandels gehört allerdings traditionell zur antiken Gegnerpolemik, so daß sich die Auseinandersetzung wohl wesentlich auf die Frage der Engelverehrung beschränkte. Die Gegner gehören offenbar zur Gemeinde (12) und haben mit ihrer Lehre bei manchen Gemeindegliedern für Zweifel gesorgt (22).
Da das Präskript keine konkrete Adresse nennt, ist eine genauere Beschreibung der angeschriebenen Christen nicht möglich.
Da der Jud im 2Petr verwendet worden ist, wird er wohl ebenfalls in Kleinasien entstanden sein. Mehr als Vermutungen sind aber nicht möglich.
Das Traditionsverständnis des Jud, der vom Verfasser selbst empfundene zeitliche Abstand zu den Aposteln und eine gewisse Nähe zum Jak sprechen für eine Datierung des Jud auf die Zeit um 100.
Der Autor des Jud greift in seiner Polemik gegen die Irrlehrer auf eine ganze Reihe traditioneller Elemente zurück. Dabei fällt auf, daß er offenbar in der jüdischen Tradition zu Hause ist. Er zitiert aus dem äthiopischen Henochbuch (14f.) und greift wohl auch auf die Assumptio Mosis, eine nur in Fragmenten erhaltene frühjüdische Schrift, zurück (9).
Das benutzte Briefformular stellt den Jud in die Tradition des apostolischen Briefes.
Nach dem Präskript (1f.) ermahnt "Judas" die Adressaten, für den überlieferten Glauben zu kämpfen, "der den Heiligen ein für allemal anvertraut ist" (3). Er versteht den Glauben also als Glaubensgut, das durch das Auftreten der Irrlehrer gefährdet ist. Diese führen ein zügelloses Leben und verleugnen Christus, sind aber für das Endgericht vorgemerkt (3f.).
In der eigentlichen Auseinandersetzung mit den Irrlehrern (5-16) wechseln sich Charakteristiken der Gegner und Androhungen des Gerichts über sie ab. Die Polemik steigert sich, nachdem "Judas" darauf verwiesen hat, daß die Irrlehrer als "Schandfleck" an den Liebesmahlen der Gemeinde teilnehmen. Man gewinnt den Eindruck, daß er ihrem verderblichen Einfluß durch eine ganze Kette von Negativcharakteristika begegnen will. Zusätzlich führt er als Beleg ihrer Gerichtsverfallenheit das Zitat aus äthHen 1,9 an.
Das Auftreten der Irrlehrer ist bereits durch die Apostel vorausgesagt worden. Daran sollen sich die Adressaten erinnern und auf dem hochheiligen Glauben weiter bauen. "Judas" fordert sie auf, sich der im Glauben gefährdeten Mitchristen zu erbarmen. Dabei läßt die Textüberlieferung keine sichere Entscheidung zu, ob im Jud zwischen zwei (so entscheidet sich die Einheitsübersetzung) oder drei (so die Lutherübersetzung) Gruppen unterschieden wird. Deutlich ist in jedem Fall, daß die Irrlehrer selbst (die letzte Gruppe) nicht ausgeschlossen werden, jeder direkte Kontakt mit ihnen aber vermieden werden soll. "Erbarmen" bedeutet dann in Bezug auf sie vermutlich Fürbitte (17-23).
Eine ausführliche Doxologie (24f.) schließt den Brief ab.
Autoren: Martin Rösel (AT), Klaus-Michael Bull (NT)
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