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Jakobusbrief

Der Jakobusbrief (Jak)

Übersicht: Aufriß des Jak

Der Verfasser, die Adressaten

Der Jak ist an "die zwölf Stämme, die in der Zerstreuung leben" (1,1), adressiert, d.h. er wendet sich an die gesamte Christenheit außerhalb Palästinas. Als Absender nennt das Präskript "Jakobus, Knecht Gottes und Jesu Christi, des Herrn". Damit ist offenbar der Bruder Jesu gemeint (vgl. Gal 1,19; Apg 15,13 u.ö.), denn der Brief will von einem in der ganzen Urchristenheit anerkannten Lehrer (vgl. 3,1) geschrieben sein. An der Authentizität dieser Angabe bestehen erhebliche Zweifel. Zum einen schreibt der Autor ein gutes Griechisch und besitzt eine gewisse rhetorische Bildung, was bei Jakobus nicht unbedingt zu erwarten ist. Zum anderen – und dieser Grund ist gewichtiger – setzt der Brief eine Gemeindesituation voraus, die in die Zeit nach dem Tod des Jakobus im Jahr 62 weist. Da der Briefschreiber einem weisheitlich geprägten Judenchristentum zuzurechnen ist, hat er bewusst an die Autorität des Jakobus angeknüpft, denn dieser genoss vor allem im Judenchristentum hohes Ansehen.

Der Anlass des Briefes

Im Jak werden sozial weit differenzierte Gemeinden vorausgesetzt (2,1-13; vgl. 5,1-6), in denen es zu Streitigkeiten gekommen ist (4,1-12). Daneben sieht der Verfasser die Gefahr, dass ein (mißverstandener) Paulinismus dazu führen könnte, dass innerhalb der Gemeinde die barmherzigen Werke verweigert werden (2,14-26).

Abfassungszeit und -ort

Die Entstehungszeit des Jak lässt sich kaum genauer bestimmen. Man kann ihn nur pauschal an das Ende des 1. Jh. datieren. Als Entstehungsort wird meist Alexandria angenommen. Dafür spricht die Tradition, aus der der Verfasser schöpft. Auch bestimmte verwendete Bilder lassen an eine Hafenstadt als Abfassungsort denken (vgl. 1,6; 3,4).

Literarischer Charakter

Im Aufbau des Jak ist eine klare Linie nicht ohne weiteres erkennbar. Formal wird das Schreiben durch die wiederholte persönliche Anrede "Brüder" und Motive, die in verschiedenen Zusammenhängen mehrfach begegnen, zusammengehalten. Inhaltlich steht es unter dem Leitgedanken der "Vollkommenheit". Die Christen haben das Wort erhalten (1,21), das sie zum Tun des "vollkommenen Gesetzes der Freiheit" (1,25) befähigt.

Der Verfasser des Jak benutzt vielfältiges Traditionsmaterial, das zu weiten Teilen aus der jüdischen Weisheitstheologie stammt. Mehrfach gibt es Berührungspunkte zur synoptischen Tradition. Am deutlichsten ist die Parallele zwischen 5,12 und Mt 5,33-37.

Trotz des Präskripts fehlen dem Jak beinahe vollständig die brieflichen Elemente. Man kann ihn als weisheitliches Mahn- und Lehrschreiben bezeichnen, das als Rundbrief firmiert.

Der Inhalt des Briefes

Nach dem Präskript (1,1) wendet sich "Jakobus" dem Verhalten von Christen in Versuchungen zu (1,2-18). Diese sollen als Prüfungen des Glaubens verstanden werden, aus denen letztlich ein "vollendetes Werk" (1,4) erwächst. In diesem Zusammenhang klingen die Themen des Briefes an: Bitte um Weisheit, Polemik gegen die Reichen, Gott als Geber des Guten – die Begierde als Urheberin des Bösen. Gott hat die Christen durch "das Wort der Wahrheit" als Erstlingsfrucht seiner Schöpfung geboren.

Damit ist das Stichwort für den zweiten Gedankengang (1,19-27) des Briefes gefallen. Der Briefschreiber ermahnt seine Brüder, das Wort nicht nur anzuhören, sondern danach zu handeln (Konkretion in 1,27). Mit dieser gleichsam vertikalen Perspektive ist die zweite, horizontale, untrennbar verbunden, die vom Hören und Reden in der Gemeinschaft spricht (vgl. Kap 3).

Zunächst aber wendet sich "Jakobus" entschieden gegen Tendenzen, Standesunterschiede in der Gemeinde zu machen (2,1-13). Gott hat die Armen in der Welt auserwählt. Die Reichen hingegen sind Unterdrücker und Lästerer. Das Liebesgebot soll Verhaltensprinzip in der Gemeinde sein. Wenn nach dem Ansehen der Person geurteilt wird, wird das Gesetz der Freiheit übertreten. "Denn das Gericht ist erbarmungslos gegen den, der kein Erbarmen gezeigt hat. Barmherzigkeit aber triumphiert über das Gericht."(2,13)

An diesen Gedanken anknüpfend lehnt "Jakobus" die Meinung ab, dass der Glaube allein retten könne (2,14-26). Abraham und die Dirne Rahab werden als alttestamentliche Belege für eine Rechtfertigung aufgrund der Werke beigebracht. Dabei kombiniert "Jakobus" in jüdischer Auslegungstradition stehend Gen 15,6 mit Gen 22. Zentralsatz: "So ist auch der Glaube für sich allein tot, wenn er nicht Werke vorzuweisen hat." (2,17)

Es folgt der Abschnitt des Jak, der in der neueren Forschung das meiste Interesse auf sich gezogen hat. Der Briefschreiber denkt über die Macht von Sprache (in seiner Diktion: "der Zunge") nach (3,1-12). Sprache hat gewaltige Wirkungen. Sie ist aber zugleich ambivalent (vgl. 3,9f.). "Jakobus" fordert seine Leser auf, deshalb nicht zu Viele Lehrer werden zu lassen (3,1), denn nur ein vollkommener Mann verfehlt sich in den Worten nicht.

Danach stellt er irdische und himmlische Weisheit einander gegenüber (3,13-18). Wo die Weisheit von oben wirkt, herrscht Frieden. Dieses Stichwort nimmt "Jakobus" auf und polemisiert gegen die Streitigkeiten und Kriege unter den Christen (4,1-12). Sie rühren daher, dass sich die Christen von den Leidenschaften beherrschen lassen, d.h. Freunde der Welt sind (4,4). Sie sollen sich Gott unterordnen und seine Nähe suchen. Verleumdung des Bruders ist Verleumdung des Gesetzes.

Die nächsten beiden Abschnitte richten sich erneut gegen die Wohlhabenden. Zunächst wird ihr selbstsicheres Planen mit der Souveränität Gottes über Leben und Zeit konfrontiert (4,13-17). Dann wendet sich "Jakobus" mit aller Schärfe gegen ihr unsoziales Verhalten (5,1-6). Die Reichen wird im Gericht das Elend treffen, die Klagerufe der geprellten Arbeiter aber dringen zu den Ohren Gottes.

Der Brief endet mit einer Mahnung zum geduldigen Ausharren bis zur Parusie Christi (5,7-11) und Einzelanweisungen zum Verhalten in der Gemeinde: Warnung vor dem Schwören, Aufforderung zum Gebet in jeder Lebenssituation, Umgang mit Irrenden (5,12-20).

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