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Matthäus

Das Matthäusevangelium (Mt)

Übersicht: Grobgliederung des Mt

Der Autor

Die älteste uns erreichbare Verfassertradition, die auf Papias von Hierapolis (ca. 125) zurückgeht, nennt den Jünger Matthäus als den Autor des ersten Evangeliums. Er soll es in hebräischer Sprache abgefasst haben. Der Text des Evangeliums bietet allerdings keine Hinweise darauf, dass es sich um eine Übersetzung handelt. Es ist auch kaum wahrscheinlich, dass ein Augenzeuge (Matthäus) auf ein anderes Evangelium (Mk) als Quelle zurückgegriffen hätte. Die Verfassertradition dürfte auf 9,9 zurückgehen, denn dort wird der Name des in Mk 2,14 Levi genannten Zöllners mit Matthäus angegeben. Diese Namensänderung wurde offenbar als biographischer Hinweis des Verfassers verstanden, entspricht aber einer auch sonst im Mt zu beobachtenden Tendenz, unbekannte Personen mit bekannten zu identifizieren (vgl. 27,56 mit Mk 15,40). Wir müssen also davon ausgehen, dass der Verfasser des Evangeliums ein uns namentlich nicht bekannter Christ war, der erst später mit dem Jünger Matthäus identifiziert worden ist.

Der Evangelist war sehr wahrscheinlich ein christlicher Schriftgelehrter (vgl. 13,52). Darauf deuten sowohl sein Umgang mit dem Alten Testament als auch der kunstvolle Aufbau des Evangeliums hin. Der Autor nutzt Symbolzahlen (z.B. die Sieben, vgl. die sieben Weherufe in Kap. 23) als Gliederungsprinzip, schafft bewusst Dubletten, die bestimmte Abschnitte hervorheben (z.B. 4,23; 9,35), baut Vorverweise ein, die spätere Themen und Ereignisse gleichsam präludieren (vgl. 3,15 als Vorverweis auf das Thema der Bergpredigt), und setzt gezielt theologische Schlüsselbegriffe ein, um das Grundthema für größere Abschnitte zu bezeichnen (z.B. "erfüllen", "Königsherrschaft der Himmel" und "Gerechtigkeit" in 5,17-27).

Die Entstehungssituation

In der Forschung ist die Frage umstritten, ob das Mt in einem juden- oder heidenchristlichen Milieu entstanden ist. Für beide Einordnungen lassen sich gewichtige Argumente beibringen. Wahrscheinlich beschreibt die Frage aber eine falsche Alternative. Das Mt ist über weite Strecken von judenchristlicher Tradition geprägt. Der Evangelist greift in den "Reflexionszitaten" auf das Alte Testament zurück und bezeichnet das Auftreten Jesu als die Erfüllung der dort überlieferten Verheißungen (vgl. 1,22f; 2,5f.15.17f; 3,3 u.ö.). Die Tora wird grundsätzlich als verbindlich anerkannt (5,17-19) und die Mission Jesu ist auf die "verlorenen Schafe Israels" begrenzt (10,5f.; 15,24). Schließlich ersetzt der Evangelist "Königsherrschaft Gottes" aus dem Mk (fast) konsequent durch "Königsherrschaft der Himmel", vermeidet also nach jüdischer Sitte jede Assoziation des Gottesnamens. Das spricht dafür, dass er selbst Judenchrist war.

Der Evangelist schreibt allem Anschein nach für eine judenchristliche Gemeinde, die den Schritt zur Heidenmission vollzogen hat. Dieser scheint aber nicht unumstritten gewesen zu sein, da sich das Evangelium als ein Plädoyer für die Verbreitung des Evangeliums unter den Völkern lesen lässt. Zugleich ist das Mt auch ein Dokument des frühchristlichen Ablöseprozesses von der Synagogengemeinde. Das Heil gilt selbstverständlich allen Völkern (28,18-20; vgl. 22,1-14). Der Evangelist übernimmt aus Mk die programmatische Aufhebung der Unterscheidung von "rein" und "unrein" im kultischen Sinne (15,1-20), die dann noch einmal in 23,25f betont wird. Die rituellen Vorschriften für den Sabbat haben ihre Bedeutung verloren (vgl. 12,1-8 mit Hos 6,6 als Zielpunkt). Die Kirche wird als das wahre Israel angesehen (8,11f 21,33-46; vgl. 22,7-10), während das alte Heilsvolk verworfen ist, weil es den Willen Gottes nicht tut (vgl. 21,43; 5,20; 23). Die kritische Auseinandersetzung des Evangelisten mit dem zeitgenössischen Judentum (insbesondere pharisäischer Prägung) wird auch durch die distanzierte Sprache des mt Jesus manifestiert, der von "ihren Schriftgelehrten" (7,29) und "euren Synagogen" (23,34) spricht. Die Art der Polemik in Mt 23 u.ö. zeigt aber zugleich, dass diese Distanz begründet werden muss, da die inhaltliche Nähe insbesondere zum pharisäischen Judentum spürbar ist.

Ein grundlegendes Problem der mt Gemeinde besteht aus der Sicht des Evangelisten darin, dass "die Liebe der Vielen erkaltet" (24,12). Als Ursache nennt er das Auftreten von "Gesetzlosigkeit". An anderer Stelle wird deutlich, dass er mit diesem Vorwurf auf Leute in der Gemeinde zielt, die zwar das Bekenntnis zu Jesus Christus als dem Herrn sprechen, aber "den Willen des Vaters im Himmel" nicht tun (7,21). Der Evangelist bemüht sich also, verbindliche christliche Verhaltensnormen zu etablieren.

Abfassungsort und -zeit

Versucht man die Gemeinde, für die das Mt geschrieben worden ist, genauer zu lokalisieren, weisen die Indizien nach Syrien, das in 4,24 ausdrücklich genannt wird. Der Evangelist nennt den See Gennesaret im Anschluss an Mk unbefangen ein "Meer" (kennt also wohl kein größeres Gewässer) und wenn er von Gebieten "jenseits des Jordan" spricht, meint er die Gegend westlich des Jordan (19,1; vgl. das Zitat 4,15f. in seinem Kontext). Näherhin ist vielleicht an Antiochia zu denken.

Das Mt setzt die Zerstörung Jerusalems im Jüdischen Krieg bereits voraus (vgl. 21,41; 22,7; 23,38). Auf Verfolgungen der Christen von Seiten der Juden blickt der Evangelist als vergangenes Problem zurück. Dagegen rechnet er mit weltweiten Verfolgungen der Christen und sieht die eigentliche Gefährdung in innergemeindlichen Problemen (24,9-14). Die Entstehung des Evangeliums wird aus diesen Gründen meist in die Zeit zwischen 80 und 90 n.Chr. datiert.

Die Reden im Matthäusevangelium

Matthäus ordnet sein Material noch stärker als seine Vorlage Mk thematisch. So stellt er das Spruchgut zu fünf großen Reden zusammen, die sein Evangelium prägen: Bergpredigt (5-7), Aussendungsrede (10), Gleichnisrede (13), Gemeinderegel (18), Doppelrede gegen die Pharisäer und von den letzten Dingen (23-25). Diese Reden sind noch besonders dadurch hervorgehoben, dass der Evangelist nach jeder Rede mit einer fast gleichlautenden Wendung fortfährt (7,28; 11,1; 13,53; 19,1; 26,1). Durch die ausgedehnten Reden stellt Matthäus Jesus in seinem Evangelium vor allem als Lehrer dar (vgl. 23,8; 28,19).

Die Vorgeschichte

Übersicht: Mt 1,1-4,22

Das Mt wird mit einer ausführlichen Darstellung des "Ursprungs Jesu Christi" eröffnet (1,1-25). Der Stammbaum Jesu beginnt mit Abraham, dem Stammvater der Juden, und führt über 3mal 14 Geschlechter bis zu Jesus. Durch diese Einteilung wird die Davidssohnschaft Jesu hervorgehoben. Die Schilderung des Traumgesichts des Josef betont die Jungfrauengeburt (1,18.20 – "schwanger durch den Heiligen Geist"; vgl. 1,23 mit dem Zitat aus Jes 7,14 LXX) und deutet den Namen Jesu.

Es folgen vier Geburtsgeschichten(2,1-23), die in ihrer Topik vor allem aus der jüdischen Moselegende schöpfen. Der Evangelist nutzt sie, um zentrale Themen seines Werkes anklingen zu lassen. So erscheinen die Magier als Repräsentanten der Fremdvölker, die dem Messias huldigen.

Der Evangelist fasst die Botschaft des Täufers mit denselben Worten zusammen wie die Botschaft Jesu (3,2/ 4,17). Damit charakterisiert er ihn als Vorläufer Jesu, dessen Auftreten er ankündigt. In der Taufe wird Jesus als der geistbegabte Gottessohn offenbar, der gekommen ist, um "alle Gerechtigkeit zu erfüllen" (3,15).

Die Versuchungsgeschichte (4,1-11) stellt sicher nicht zufällig die Versuchung der Weltherrschaft an das Ende. Sie bildet damit das negative Gegenstück zu 28,18-20.

Jesus als der Messias des Wortes und der Tat

Übersicht: Mt 4,23-9,35

Der 1.Hauptteil des Mt wird durch zwei fast gleichlautende Summarien (4,23/ 9,35) gerahmt. Sie verbinden programmatisch die Verkündigung Jesu mit seinen Krankenheilungen.

Die Bergpredigt (5,1-7,29) repräsentiert im Sinne des Evangelisten die Lehre Jesu schlechthin (5,2; vgl. die Reaktion der Hörer in 7,28). Sie wird mit einer Reihe von 9 Seligpreisungen eröffnet, die in die beiden Bildworte vom Salz und vom Licht münden. Die Verheißung des Himmelreichs und das Tun der Gerechtigkeit bestimmen das Wesen christlicher Existenz, sind Licht vor den Menschen (5,16).

5,17-20 bilden den Eingangsrahmen der Rede. Jesus ist gekommen, um die Tora zu "erfüllen" (5,17). Daraus erwächst die Forderung der "besseren Gerechtigkeit" (5,20), die in den sogenannten Antithesen exemplarisch Gestalt gewinnt. Die Tora wird im eigentlichen Sinne des Wortes radikalisiert (Radix [lat.]-Wurzel), so dass am Ende die Forderung steht, "vollkommen" zu sein wie der himmlische Vater (5,48), der über Böse und Gute die Sonne scheinen lässt.

In 6,1-18 folgt in drei Schritten (Almosengeben, Beten, Fasten) die Warnung vor der Jagd nach irdischer Anerkennung (6,9-13 Vaterunser). Wer danach strebt, sucht nach falschen Schätzen, verdunkelt sein inneres Licht und versucht, zwei Herren zu dienen. Dagegen gilt die Zusage, dass, wer nach dem Reich Gottes und Gottes Gerechtigkeit strebt, auch alle täglichen Bedürfnisse von Gott erfüllt bekommt (6,33).

Diese Zusage wird nach der Warnung vor überheblichem Richten in 7,7-11 noch einmal aufgenommen, bevor die "goldene Regel" (7,12) im Sinne des Evangelisten die Lehre der Bergpredigt zusammenfasst. Sie bildet das Gegenstück zu 5,17-20. Die abschließende Warnung vor "Pseudopropheten" und das Doppelgleichnis vom Hausbau schärfen das Tun der Worte Jesu ein.

Die Kap.8f. sind vor allem durch Wundergeschichten geprägt. Dabei fällt auf, dass der Evangelist im Vergleich zu Mk die wunderbaren Züge stark kürzt. Dagegen wird der Glaube der Geheilten hervorgehoben (8,10; 9,22.29).

Die Geschichten dienen zur Illustration der Lehre Jesu und ihrer Konsequenzen. So werden die ersten drei Wundertaten Jesu durch ein Summarium (8,16f mit Zitat Jes 53,4) im Lichte des Gottesknechtsliedes gedeutet. Die Fortsetzung durch die Nachfolgeworte zeigt das ausgeprägte ekklesiologische Interesse des Evangelisten, der auch die Sturmstillung als Nachfolgegeschichte deutet (Jünger als "Kleingläubige").

Das Ende des Abschnitts (9,33f; vgl. 9,10-17) weist mit der kontroversen Reaktion auf die Heilung eines Stummen auf die kommenden Auseinandersetzungen hin, die ab Kap.11 breiten Raum einnehmen.

Die Aussendung der Jünger

Übersicht: Mt 9,36-11,1

Die Wirksamkeit der Jünger setzt die Taten und die Lehre Jesu fort (10,5-8); auch ihre Sendung beschränkt sich (zunächst) auf die "verlorenen Schafe Israels" (10,6). In der Aussendungsrede erteilt Jesus Anweisungen für die Mission und sagt Verfolgungen an. Den Jüngern wird angesichts der kommenden Erfahrung gewaltsamer Ablehnung Trost zugesprochen.

Die Rede endet mit dem nachdrücklichen Verweis darauf, dass das Verhalten gegenüber Jesus Konsequenzen im Endgericht hat. Das gilt entsprechend auch für das Verhalten gegenüber den Jüngern. Hier begegnet erstmalig die Bezeichnung "die Kleinen" (οἰ μικροι/ hoi mikroi) für die Jünger (10,42).

Das Entstehen der Gemeinde in der Auseinandersetzung um das Wesen Jesu

Übersicht: Mt 11,2-16,20

Im 2.Hauptteil des Mt schildert der Evangelist die sich zuspitzende Auseinandersetzung um Jesus und das Entstehen der Jüngergemeinde. Am Beginn steht die Anfrage des Täufers, ob Jesus der Erwartete sei. Jesus antwortet mit einem Mischzitat aus dem Buch des Propheten Jesaja. Dadurch stellt er seine Wirksamkeit in den Horizont dieser Verheißungen. Die folgende Rede an die Volksmenge macht deren Versagen angesichts der in der Verkündigung Jesu anbrechenden Gottesherrschaft deutlich. Jesu Zeitgenossen verhalten sich wie Kinder, die auf die Aufforderung zum Spiel nicht reagieren (11,16f; 11,2-24). Der Evangelist schließt eine Werberede Jesu (11,25-30) an, die in den "Heilandsruf" mündet.

Die folgenden Streitgespräche und Heilungen (12,1-50) erzählen die sich zuspitzende Auseinandersetzung um die Vollmacht Jesu. Die Pharisäer reagieren auf die Taten Jesu mit dem Todesbeschluss (12,14) und dem Beelzebulvorwurf (12,24). Dazwischen stellt der Evangelist gleichsam als Meinung der Glaubenden das Wundersummarium 12,15-21 mit dem Zitat Jes 42,1-4, das Jesus als Gottesknecht und Hoffnung der Heiden bezeichnet. Jesus reagiert auf den Beelzebul-Vorwurf mit einer Verteidigungsrede, die das Wort der Menschen wie ihre Taten zum Kriterium im Endgericht macht (beachte 12,30).

Die Zeitgenossen Jesu erhalten nur das Zeichen des Jona Der Evangelist deutet es in 12,40 auf die Auferstehung Jesu. Wer sich allerdings aufgrund dieses Zeichens nur für den Moment Jesus anschließt, ist trotzdem verloren, denn nur wer den Willen des Vaters im Himmel tut, gehört zur Familie Jesu.

Die Gleichnisrede (13,1-52) besteht aus insgesamt sieben Gleichnissen und zwei Gleichnisdeutungen. Daneben stehen grundlegende Reflexionen über Jesu Rede in Gleichnissen. Der erste Teil der Rede (Gleichnisse vom Sämann, Unkraut unter dem Weizen, Senfkorn, Sauerteig) wendet sich an das Volk. Die Reflexion über den Sinn der Rede in Gleichnissen firmiert aber als Jüngerbelehrung. Der zweite Teil der Rede (Gleichnisse vom Schatz, der Perle und dem Fischnetz) ist dann nur noch an die Jünger gerichtet. Die Rede stellt das Verstehen der Jünger (13,11f.16f.51f) und das Nichtverstehen der Anderen (13,13-15) hart gegeneinander. Themen sind das Hören, die jetzt verborgene Größe und Herrlichkeit des Himmelreichs und das Endgericht.

Die folgenden Perikopen sind erneut von dem Kontrast zwischen der Ablehnung (in seiner Vaterstadt) und Verfolgung Jesu (potentiell durch Herodes Antipas) einerseits und dem Glauben der Jünger andererseits geprägt (13,53-14,36). Wichtig für das Jüngerverständnis des Evangelisten ist die Verbindung zwischen der nur im Mt erzählten Episode vom sinkenden Petrus und dem Bekenntnis der Jünger zum Sohn Gottes (14,33).

In der weiteren Erzählfolge (15,1-16,12) übernimmt der Evangelist weitgehend Mk, setzt dabei aber eigene Akzente. So fehlt in 15,17 der ausdrückliche Hinweis, dass Jesus alle Speisen für rein erklärt habe (vgl. Mk 7,19). In der Darstellung der Jünger finden sich die schon bekannten Züge. Obwohl sie "Kleingläubige" (16,8) sind, verstehen sie letztlich (16,12).

Das Bekenntnis des Petrus bei Caesarea Philippi (16,13-20) bildet den Höhepunkt des 2.Hauptteils, leitet aber zugleich zu der anschließenden Jüngerbelehrung über. Petrus erscheint als der Sprecher der Jünger und wird durch das Felsenwort und die Zusage der Schlüsselgewalt besonders hervorgehoben.

Die Jüngerbelehrung

Übersicht: Mt 16,21-20,34

Im 3.Hauptteil des Mt rücken Gemeindeprobleme in den Vordergrund. Am Beginn steht programmatisch die Frage der Nachfolge (16,21-28), die als Belehrung über die Leidensnachfolge offensichtlich bewusst nur die Jünger in den Blick nimmt (vgl. Mk 8,34ff.). Nach der Verklärungsgeschichte (17,1-13) werden zwei Fragen behandelt, die der mt Gemeinde anscheinend unter den Nägeln brannten (17,14-27): Die Erfahrung der eigenen Glaubensschwäche (mit der Zusage: "Nichts wird euch unmöglich sein."[17,20]) und das Problem, wie mit der eigenen Freiheit umzugehen sei (17,27 – keinen Anstoß erregen).

Der Rangstreit unter den Jüngern bietet den Anlass für die vierte große Rede Jesu, die oft als "Gemeinderegel"(18,1-35) bezeichnet wird. Hauptgegenstand der Rede sind "die Kleinen" in der Gemeinde. Im einzelnen geht es um das vorbehaltlose Annehmen des Himmelreichs, die Warnung vor dem Verführen und Verachten "der Kleinen", den Umgang mit sündigen Gemeindegliedern (18,18 erkennt die Binde- und Lösegewalt allen Christen zu) und die Mahnung zur Vergebung.

Dem Aufbruch nach Jerusalem folgt das Streitgespräch über die Frage der Ehescheidung, dem die rätselhaften Worte von den Eunuchen angeschlossen sind.

Hier rückt bereits die Frage des Zugangs zum Himmelreich ins Blickfeld, die die folgenden Perikopen bestimmt: Segnung der Kinder, Frage von Reichtum und Besitz, Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg (19,1-20,16).

Nach der dritten Leidensankündigung bricht durch das Ansinnen der Mutter der Zebedaïden das Problem der Rangfolge unter den Jüngern auf (20,17-34). Jegliche Hierarchie unter ihnen wird abgelehnt (20,28).

Die Wirksamkeit Jesu in Jerusalem

Übersicht: Mt 21,1-25,46

Der 4. Hauptteil des Mt ist zunächst wiederum von der Auseinandersetzung mit den Gegnern Jesu geprägt. Am Beginn unterstreicht der Evangelist durch die unmittelbare Verbindung von Einzug in Jerusalem und Tempelreinigung den messianischen Anspruch Jesu (21,1-17; beachte die Häufung der alttestamentlichen Zitate). Den Jüngern gegenüber wird die Macht des Glaubens betont (21,18-22).

Die Repräsentanten des Volkes stellen die Vollmachtsfrage an Jesus (Mt 21,23). Er macht in der Antwort ihr Verhalten gegenüber dem Täufer zum Thema und stellt dann die grundsätzliche Frage nach dem Verhältnis Israels zu dem in seiner Person ergehenden Angebot Gottes (Gleichnis von den bösen Winzern; Gleichnis vom königlichen Hochzeitsmahl). Israel hat dieses Angebot abgelehnt: "Deshalb sage ich euch, dass das Reich Gottes von euch genommen werden wird und einem Volk gegeben werden wird, das seine Früchte bringt."(21,43). Das bedeutet aber für die Gemeinde zugleich die Warnung, dass, wer beim Festmahl Gottes kein Hochzeitsgewand trägt, in die äußerste Finsternis geworfen wird (21,23-22,14).

Die Streitgespräche im Tempel zeigen Jesus als den überragenden Lehrer. Bei der Frage nach dem höchsten Gebot setzt der Evangelist einen deutlichen Akzent: Das Doppelgebot der Liebe ist der entscheidende Maßstab des Handelns (beachte die Parallele 22,40 / 7,12).

Die antipharisäische Rede (23,1-39) beginnt mit einer Reflexion über das Verhältnis von Reden und Tun, die in eine Warnung an die Gemeinde(führer) vor Selbstüberhebung mündet. Es folgen 7 Weherufe über die "Schriftgelehrten und Pharisäer", die ihnen heuchlerisches und bösartiges Verhalten vorwerfen. Die abschließenden Gerichtsworte über sie und Jerusalem nutzen die deuteronomistisch geprägte Topik vom gewaltsamen Schicksal der Propheten. Die gesamte Rede dient wohl primär der Mahnung der Gemeinde und nutzt die Lehrautoritäten des Judentums dazu als Negativfolie.

Die sich anschließende Rede von den letzten Dingen (24,1-25,46) wird als exklusive Jüngerbelehrung eingeführt (24,3). Sie beginnt mit einer Schilderung der Endereignisse, die vor allem die verfolgte und versuchte Christengemeinde im Blick hat. Der Mittelteil der Rede ist von der Mahnung zur Wachsamkeit in der Zeit der Abwesenheit des Herrn geprägt (24,36.42.44; 25,13). Literarisch bestimmen ihn drei Gleichnisse: Vom treuen und bösen Knecht; von den klugen und törichten Jungfrauen und von den anvertrauten Talenten. Die große Bildrede vom Endgericht schließt die Rede ab (beachte: in den "Kleinen" begegnet Jesus [25,40.45]).

Die Passionsgeschichte

Übersicht: Mt 26,1-27,66

Im Aufbau der Passionsgeschichte geht das Mt mit den anderen Synoptikern parallel. Am Beginn betont der Evangelist die Souveränität Jesu auch noch im Leiden, indem er ihn gleichsam das "Stichwort" geben lässt (26,1f). In den Bericht über den Prozess vor Pilatus fügt er den wirkungsgeschichtlich verhängnisvollen Ruf des Volkes: "Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!" (27,25) ein.

Die Ostergeschichten

Übersicht: Mt 28,1-20

Die Ostergeschichten des Mt zeigen am Beginn in der Schilderung der Erscheinung des Engels deutlich legendarische Züge (Topoi von Epiphanieschilderungen). Im sogenannte Missionsbefehl (28,18-20) erscheinen noch einmal gebündelt die wichtigsten Themen des Evangeliums: Jesus ist derjenige, der als der Erhöhte von Gott Vollmacht über den gesamten Kosmos erhalten hat und aufgrund dieser Vollmacht die Jünger und damit auch die Gemeinde des Mt beauftragt, alle Völker zu Jüngern zu machen, d.h. sie zu taufen und in der verbindlichen Lehre Jesu zu unterweisen (Verweis auf Reden des Mt).

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