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Lukas

Das Lukasevangelium (Lk)

Übersicht: Grobgliederung des Lk

Das lukanische Doppelwerk

Während die anderen Evangelien in sich abgeschlossene Einzelschriften sind, haben wir beim Lk den ersten Teil eines Doppelwerkes vor uns. Das Evangelium und die Apg bilden sowohl formal als auch inhaltlich eine Einheit, deren beide Teile nicht losgelöst voneinander betrachtet werden dürfen.

Der Verfasser greift in Apg 1,1 den Anfang des Lk (1,1-4) wieder auf und erinnert den Leser damit zugleich an die dort genannten Prinzipien seiner Darstellung. Die wesentlichen Themen des Lk finden sich auch in der Apg wieder: Das Motiv des durch den Heiligen Geist geleiteten Wegs des Heils, die Theologie des Wortes Gottes und die Problematik des Umgangs mit irdischen Besitztümern. Der Verfasser des Doppelwerkes will den Weg des Evangeliums von der Verkündigung Jesu bis in das Zentrum der Ökumene, Rom, berichten. Auf diesen Inhalt der Apg weist schon Lk 24,47. Möglicherweise fehlen im Lk die Passagen aus dem Mk, die den Übergang zur Heidenmission reflektieren (Mk 6,45-8,26), deshalb, weil davon erst der zweite Teil des Doppelwerkes berichten soll.

Der Verfasser

Die älteste für uns greifbare Verfassertradition findet sich bei Irenäus von Lyon (ca. 180). Er nennt Lukas, den Arzt, der ein Begleiter des Paulus war, als Verfasser von Evangelium und Apostelgeschichte. Irenäus beruft sich dabei ausdrücklich auf die "Wir-Passagen" der Apg (Apg 16,10-17; 20,5-15; 21,1-18; 27,1-28,16) und lässt so zugleich erkennen, wie die Verfassertradition vermutlich entstanden ist. Wahrscheinlich hat die Alte Kirche die genannten Passagen mit Phlm 1,24; Kol 4,14 und 2Tim 4,11 kombiniert. Auf diese Weise erhielt der hinter den "Wir-Passagen" vermutete anonyme Paulusbegleiter einen Namen.

Heute geht man dagegen allgemein davon aus, dass das lk Doppelwerk nicht von einem Begleiter des Paulus abgefasst worden ist. Es fehlen zentrale Themen paulinischer Theologie (Kreuzestheologie, an die Rechtfertigungslehre finden sich nur vage Anklänge). Wichtige Einzelheiten der paulinischen Missionstätigkeit sind ungenau oder falsch wiedergegeben (z.B. Kontaktaufnahme zu den Aposteln kurz nach der Bekehrung, Apostelkonzil, Zahl der Jerusalemreisen; vgl. das paulinische Selbstzeugnis in Gal 1f.).

Vor allem aber verweigert der Verfasser des Doppelwerkes Paulus konsequent den Aposteltitel (vgl. die Definition in Apg 1,21f.), den dieser selbst aber vehement für sich in Anspruch nimmt (vgl. Gal 1,1 u.ö.).

Auch das lk Doppelwerk ist also einem uns sonst unbekannten Christen zuzuschreiben. Der Verfasser verfügt über eine hellenistische Bildung. Diese dokumentiert sich in der gehobenen Sprache und der bewussten Aufnahme von Traditionen der antiken Historiographie. Im Proömium 1,1-4 erhebt er den Anspruch, Historiker der Heilsereignisse zu sein.

Über die Herkunft des Verfassers sagt das zunächst wenig aus. Er ist mit der LXX vertraut und lehnt sich häufig an deren Sprache an. Da er darüber hinaus ein ausgeprägtes Interesse an jüdischen Traditionen hat (vgl. z.B. die Darstellung des Synagogengottesdienstes in 4,16-30 und Apg 13,14-41) und ein erheblicher Teil seines Sondergutes nach Palästina als Entstehungsort weist, könnte man ihn für einen Judenchristen halten.

Allerdings vermeidet Lukas semitische Begriffe bzw. ersetzt sie durch griechische (z.B.  Mk 10,51: Rabbouni – Lk 18,41: Kyrie [beides bedeutet Herr]; Mk 3,18: Kananäus – Lk 6,15: Zelot [Eiferer]). Auch das Zurücktreten der Deutung des Todes Jesu als Sühnetod will in diesem Zusammenhang bedacht sein. Zumindest die Adressaten des Lk (speziell Theophilos [1,3; Apg 1,1]) wird man also eher in heidenchristlichem Milieu suchen. Dafür spricht auch, dass der Verfasser der Schilderung des Übergangs zur Heidenmission in der Apg breiten Raum gibt.

Möglicherweise stammt der Verfasser selbst aus dem Kreis der "Gottesfürchtigen", die sich als Sympathisanten um die Diasporasynagoge sammelten, ohne selbst Juden zu werden.

Abfassungszeit, -ort und -situation

Die im lk Doppelwerk behandelten Probleme weisen Autor und Adressaten als typische Vertreter der dritten urchristlichen Generation aus. Lukas wendet sich gegen Versuche, die Naherwartung wiederzubeleben (17,20f; 19,11), hält aber am Aufruf zur Wachsamkeit und zum Bereithalten fest (12,35-40).

Die intensive Reflexion über den Umgang mit Besitz und die scharfen Warnungen vor den Gefahren des Reichtums legen nahe, dass es in der angesprochenen Gemeinde eine nennenswerte Anzahl von relativ Besitzenden gab. Darüber hinaus ist Lukas bemüht, den Ort der christlichen Gemeinde in der Gesellschaft des Römischen Reiches näher zu bestimmen. Er konzentriert sich dabei darauf, möglichen Konflikten mit den römischen Behörden vorzubeugen.

Den Ort der Abfassung des lk Doppelwerkes wird man sicher außerhalb Palästinas suchen müssen. Der Verfasser schreibt aus der Perspektive der Mittelmeerwelt. So bezeichnet er den See Gennesaret im Unterschied zu Mk und Mt konsequent als "See" und spricht von Palästina als "Judäa". Verschiedene Indizien, z.B. die kenntnisreiche Schilderung in Apg 16,11f , sprechen für eine Abfassung in Makedonien, möglicherweise in Philippi.

Das Doppelwerk setzt den Tod des Apostels Paulus voraus (Apg 20,25.38; 21,13) und blickt auf die Zerstörung Jerusalems aus größerem Abstand zurück (21,20.24). Das und die oben geschilderte Zugehörigkeit von Autor und Adressaten zur dritten urchristlichen Generation legen eine Datierung des Lk ungefähr auf das Jahr 90 nahe. Die Apg ist dann kurz danach entstanden.

Literarische Besonderheiten

Der Verfasser des Lk legt als einziger Evangelist in einem Proömium Rechenschaft über Ziel und Methoden seiner Arbeit ab. Er bemüht sich, die Perikopen durch redaktionell gestaltete Übergänge eng miteinander zu verbinden und auf diese Weise längere literarische Einheiten zu formen. Häufig werden diese Einheiten durch einleitende oder abschließende summarische Notizen gerahmt (z.B. 4,14f.31f.).

Lukas bietet neben dem Material aus Mk und Q in erheblichem Umfang Sondergut, das er vor allem dem Reisebericht zuordnet. Möglicherweise stammt dieses Sondergut zumindest teilweise aus einer schriftlichen Quelle, denn es zeigt mehrfach charakteristische literarische Eigentümlichkeiten (Beispielerzählungen, ausgeprägtes Interesse an "Randsiedlern", gewisse Vertrautheit mit jüdischen Sitten und religiösen Anschauungen).

Das Proömium

Mit dem Proömium knüpft der Evangelist terminologisch und sachlich an die antike Historiographie an. Er ist um eine vollständige und genaue Darstellung bemüht. Das schlägt sich z.B. darin nieder, dass Lukas in seinem Werk mehrfach Verbindungen zur Profangeschichte herstellt (1,5; 2,1f; 3,1f; vgl. Apg 11,28; 18,12). Für seine Darstellung beruft er sich auf die "Augenzeugen und Diener des Wortes". Ziel ist die Vermittlung von Glaubenssicherheit.

Die Geburtsgeschichten

Übersicht: Lk 1,5-2,52

In den Geburtsgeschichten schildert der Evangelist parallel die Ankündigungen der Geburten und die Geburten Johannes des Täufers und Jesu. Wichtig sind in diesem Zusammenhang die großen Hymnen.

Durch die abwechselnde Schilderung der Ereignisse um Johannes und Jesus gelingt es Lukas, die überragende Bedeutung Jesu erzählerisch darzustellen. Während Johannes ohne Zweifel das Kind des Zacharias und der Elisabet ist, weiß Maria von keinem Mann. Das Kind wächst durch den Geist Gottes in ihr. Im Kontext des Lk bezeichnet das Benedictus Johannes als den Vorläufer Jesu. Jesus dagegen ist Heiland, Messias und Sohn Gottes.

Die Vorbereitung der Wirksamkeit Jesu

Übersicht: Lk 3,1-4,13

Im Bericht vom Auftreten des Täufers (3,1-20) versucht Lukas, die radikale Bußpredigt in praktikable Handlungsanweisungen umzusetzen (3,10-14). Diese Art des Umgangs mit entsprechender Tradition begegnet bei ihm mehrfach (z.B. 16,9-13).

Der Evangelist hatte schon zuvor gezeigt, dass mit Jesus etwas ganz Neues auf dem Weg Gottes mit den Menschen beginnt. Das drückt er jetzt durch den literarischen Kunstgriff aus, zuerst von der Gefangennahme des Täufers und erst danach die Taufe Jesu (3,21f.) zu erzählen. Der Stammbaum Jesu (3,23-38) reicht bis auf Adam als Stammvater der Menschheit zurück (diff. Mt), der dann ausdrücklich als von Gott geschaffen bezeichnet wird (3,38).

Jesus bewährt seine Gottessohnschaft in der Versuchung (4,1-13), die er "voll des Heiligen Geistes"(4,1) besteht.

Die Wirksamkeit Jesu in Galiläa

Übersicht: Lk 4,14-9,50

Der 1.Hauptteil des Lk beginnt mit einem Summarium über die Wirksamkeit Jesu in Galiläa. Als Beispiel für seine Lehre in den Synagogen folgt die Episode vom Auftreten Jesu in Nazaret.

In der sogenannten "Antrittspredigt" erhebt er den Anspruch, dass in seiner Person die Verheißungen Jesajas (Jes 61,1f; 58,6) Wirklichkeit werden. Jesus ist in der Darstellung des Lk der Geistträger schlechthin, der Heil und Befreiung für die Bedrängten bringt (4,14-30).

Die Heilungen dienen im Lk vor allem der Legitimation der Vollmacht Jesu und seiner Lehre (4,36; 5,26; vgl. 5,17). Mit der Berufung des Levi und dem sich anschließenden Gastmahl beginnt die Auseinandersetzung mit den "Pharisäern und ihren Schriftgelehrten". Jesus ist gekommen, die Sünder zur Umkehr zu rufen (5,32). Seine Vollmacht zeigt sich in der Souveränität über das Sabbatgebot (6,5). Die berufenen zwölf Jünger werden von Jesus Apostel genannt (6,13). Damit bereitet der Evangelist in seiner Erzählung die in der Apg vorausgesetzte Definition von "Apostel" vor (vgl. Apg 1,21f.).

Für die Feldrede (6,17-49) lässt der Evangelist eine Zuhörerschar aus allen jüdisch besiedelten Gebieten Palästinas zusammenströmen. Sie ist die formale und sachliche Parallele zur Bergpredigt. Die Rede beginnt mit je vier Seligpreisungen und Weherufen. Die jeweils letzten (6,22f.26) zeigen, dass Lukas mit ihrer Hilfe die Grundsatzfrage nach dem Platz der Christen in ihrer Umwelt stellt. Es folgt eine ausführliche Mahnung zur Feindesliebe, in deren Zentrum die goldene Regel steht (6,31). 6,36 verbindet diesen Abschnitt mit der Warnung vor dem gegenseitigen Richten. Am Ende der Rede steht die Mahnung zum Tun der Worte Jesu.

Die in 7,1-50 zusammengestellten Erzählungen berichten von der Reaktion verschiedener Gruppen auf die Wirksamkeit Jesu. Programmatisch wird am Beginn der überwältigende Glaube des heidnischen Hauptmanns erwähnt (7,9), während Jesus am Ende der Sünderin ihren rettenden Glauben bestätigt (7,50). Die Auferweckung des Jünglings zu Naïn und die Reaktion Jesu auf die Anfrage des Täufers rufen durch ihren Bezug auf Jes 29,18; 35,5f; 26,19; 61,1) für die Leser des Evangeliums die "Antrittspredigt" wieder ins Gedächtnis.

Nach einer Überleitung wendet sich Jesus mit dem Gleichnis vom Sämann an die Menge. Lukas übernimmt mit dem Gleichnis seine Deutung aus dem Mk. Die Außenstehenden werden durch die Gleichnisse verstockt (8,10), die Jünger werden zum rechten Hören ermahnt (8,18). 8,21 zeigt, dass er den gesamten Abschnitt unter der Maxime "Hören und Tun des Wortes Gottes" verstanden wissen will. Die Sturmstillung und die Heilungen demonstrieren erneut die Vollmacht Jesu und die Macht seines Wortes. Ihm gehorchen die Elementargewalten und die Dämonen. Er heilt Krankheit und rettet vom Tod (8,1-56).

Mit der Aussendung der Zwölf rückt das Verhältnis zwischen Jesus und den Jüngern in das Zentrum der Darstellung. Zunächst aber kommt durch den Wunsch des Herodes noch einmal die Frage nach dem Wesen Jesu auf. Die Speisung der 5000, das Bekenntnis des Petrus und die Verklärungsgeschichte beantworten sie. Die erste Leidensankündigung und die Belehrung der Jünger über die Nachfolge treten dazwischen etwas in den Hintergrund (bei Lk fehlt an dieser Stelle das Missverständnis des Petrus; vgl. Mt 16,22; Mk 8,32).

Die Heilung des epileptischen Knaben demonstriert die Gottessohnschaft Jesu und ruft das Staunen der Volksmenge hervor. Die zweite Leidensankündigung setzt bewusst einen Kontrapunkt, der aber von den Jüngern nicht verstanden wird (9,45). Darauf folgt eine lange Jüngerbelehrung (9,1-50).

Der Reisebericht

Übersicht: Lk 9,51-19,27

Im sogenannten Reisebericht hat Lukas eine Fülle von Material zusammengefasst, das häufig nur über Stichworte miteinander verbunden ist. Die Notiz in 9,51 setzt eine literarische Zäsur, obwohl die Jüngerbelehrung zunächst weitergeht.

Jakobus und Johannes werden von Jesus daran gehindert, Rache wegen der Ungastlichkeit der Samaritaner zu üben. Worte, die den Ernst der Nachfolgeentscheidung z.T. drastisch vor Augen führen, folgen. Jesus sendet 72 Jünger aus, denen Missionsregeln mitgegeben werden. Am Verhalten ihnen gegenüber zeigt sich, ob Buße getan wird oder nicht, denn in ihnen spricht Jesus. Die erfolgreiche Rückkehr der Jünger ist Zeichen des Satansturzes (10,18). Deshalb dankt Jesus Gott und preist die Jünger selig, denn sie sind Zeugen der Offenbarung Gottes (9,51-10,24).

Die Frage nach dem ewigen Leben konkretisiert sich in der Frage der Nächstenliebe. Jesus ruft dazu, zum Nächsten zu werden (10,36f.). Durch die Kombination dieser Forderung mit der Geschichte von Maria und Marta warnt der Evangelist vor einem bloßen Aktionismus. Mit der Zusage, dass Gott das Bitten der Gläubigen erhört, wendet sich Jesus wieder an die Jünger.

Jesus wehrt sich gegen den Beelzebulvorwurf und die Forderung nach einem Zeichen, das über den Bußruf hinausgeht. Dazwischen steht in Form einer Seligpreisung die erneute Mahnung zum Hören und Befolgen des Wortes Gottes (10,25-11,36).

Bei einem Essen, zu dem er eingeladen worden ist, wendet sich Jesus gegen die Pharisäer und Gesetzeslehrer (je drei Weherufe; 11,37-54). Vor der Tür warnt er auch die Menge zunächst vor den Pharisäern, fährt dann aber mit einer Mahn- und Trostrede an die Jünger fort (Themen: Aufforderung und Ermutigung zum furchtlosen öffentlichen Reden auch vor Gericht, Warnung vor der falschen Sicherheit des Reichtums, Warnung vor falscher und Mahnung zu rechter Sorge, Mahnung zur Wachsamkeit und Bereitschaft, Jesus bringt Zwietracht). An die Volksmenge gewendet fügt Jesus die Mahnungen zum Verstehen der Zeichen der Zeit und zur Versöhnung an (12,1-53).

Der Redenzyklus endet mit einer Bußpredigt (12,54-13,9): Den Menschen ist nur noch eine letzte Frist zur Umkehr eingeräumt. Jesus bringt Heilung und rettet vor dem Satan auch am Sabbat. Das geschieht gegen den Widerstand seiner Gegner und beschämt sie vor dem Volk (13,10-17).

An dieser Stelle fügt Lukas zwei Gleichnisse vom Gottesreich ein, die zu den Gerichtsworten über Israel und Jerusalem überleiten (13,18-35).

In den folgenden Kapiteln bilden die Pharisäer, die Jesus eben noch vor Herodes gewarnt haben (13,31), immer wieder die Negativfolie zum von Jesus gelehrten rechten Verhalten. Die Mahnung zur Demut, die Aufforderung zum Einladen der Armen und das Gleichnis vom Festmahl werden direkt bei einem Gastmahl gesprochen, zu dem ein Pharisäer Jesus eingeladen hat. Zur Nachfolge Jesu ist nur berufen, wer sich ihr ganz stellt. Er muss auf irdische Güter verzichten. Zugleich bedeutet Nachfolge aber nicht kopfloses Nachstürzen (14,1-35).

Im Zentrum des Lk steht die Gleichnistrilogie vom Verlorenen (Kap 15). Der Zielpunkt lässt sich mit 15,7 beschreiben: "Ebenso wird auch im Himmel mehr Freude herrschen über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte, die es nicht nötig haben umzukehren."

Danach wendet sich Jesus mit einer Belehrung über den rechten Umgang mit dem Besitz an die Jünger. Es gilt, klug mit dem "Mammon" zu verfahren, sich aber nicht abhängig von ihm zu machen. Wieder erscheinen die Pharisäer als negatives Gegenbeispiel. Das Gesetz bleibt in Gänze in Geltung, aber es steht jetzt unter dem Vorzeichen der Verkündigung des Reiches Gottes (16,16). Das Gleichnis vom reichen Mann und armen Lazarus verbindet die Themen "Gefahr des Reichtums" und "Geltung des Gesetzes" miteinander (16,1-31).

Kurze Warnungen und Mahnungen an die Jünger (17,1-10) und die Heilung der 10 Aussätzigen (17,11-19) schließen sich an.

Auf die Frage der Pharisäer nach dem Kommen des Reiches Gottes antwortet Jesus mit einer kleinen Apokalypse. Das Reich Gottes lässt sich weder terminlich noch lokal fixieren. Der Menschensohn kommt plötzlich. Dann gibt es keine Entscheidungsmöglichkeit mehr. Daher gilt es, sich jetzt darauf vorzubereiten: Im Gebet, in der unvoreingenommenen Annahme des Reiches Gottes wie ein Kind und im Verzicht auf Besitz (17,20-18,30).

Die dritte Leidensankündigung trifft wiederum auf das Missverständnis der Jünger (die Sühnetodaussage fehlt, diff. Mk). Auch im Lk folgt darauf eine Blindenheilung. Die berühmte Geschichte vom Zöllner Zachäus zeigt exemplarisch den möglichen Weg eines Reichen zum Heil. Jesus ist gekommen, "zu suchen und zu retten, was verloren ist" (19,10; eine mögliche Überschrift über Lk). Mit dem Gleichnis von den anvertrauten Minen wehrt der lk Jesus Endzeithoffnungen, die mit seinem Einzug nach Jerusalem verbunden werden, ab. Die Jünger sind aufgefordert, die Zeit bis zur Parusie und die anvertrauten Gaben zu nutzen (18,31-19,27).

Die Wirksamkeit Jesu in Jerusalem

Übersicht: Lk 19,28-21,38

Im Lk sind es die Jünger, die den Einzug Jesu in Jerusalem als königlichen Einzug feiern. Ihr Ruf (19,38) greift den Lobgesang der Engel aus der Geburtsgeschichte auf (vgl. 2,14). Jesus weissagt die Zerstörung der Stadt Jerusalem. Offensichtlich wird hier die Zerstörung durch die Römer als Strafe für die Ablehnung Jesu gedeutet. Die Tempelreinigung wird nur ganz knapp berichtet (19,28-48).

Auf die Frage nach seiner Vollmacht antwortet Jesus mit der Frage nach der Einordnung des Täufers durch die Fragenden. Dem Volk erzählt er das Gleichnis von den bösen Winzern, das das Gericht über die ansagt, die ihn verwerfen. Das führt zu Versuchen, ihn mittels Fangfragen als politischen Aufrührer der römischen Gerichtsbarkeit auszuliefern. Am Ende der Auseinandersetzung zeigt sich Jesus als souveräner Ausleger der Schrift und kritisiert eine vordergründige Frömmigkeit, für die die Schriftgelehrten als Negativbild dienen (20,1-21,4).

Die Rede von den letzten Dingen ist bei Lk keine exklusive Jüngerbelehrung. Sie wertet alle Kriegswirren als mögliche Anzeichen der Endzeit ab, deutet den Fall Jerusalems im Jüdischen Krieg aber erneut als Strafgericht Gottes. Die Rede endet mit einer Warnung vor der Verwirrung durch die alltäglichen Sorgen und der Mahnung zum Wachen und Beten (21,5-36).

Die Passionsgeschichte

Übersicht: Lk 22,1-23,56

In der Passionsgeschichte bietet Lk einige Besonderheiten gegenüber den anderen Synoptikern. So ist die Geschichte vom letzten Mahl Jesu mit seinen Jüngern um eine Abschiedsrede erweitert (22,24-38). Den Aposteln (vgl. 22,14) wird das Reich vermacht, denn sie haben die ganze Zeit mit Jesus ausgeharrt. Jetzt sollen sie sich für ihre weiteren Aufgaben rüsten. Das ist ein deutliches Signal an die Leser, dass die Zeit nach Jesu Auferstehung sich nicht bruchlos an die Zeit seiner irdischen Wirksamkeit anschließt.

In die Verhandlung vor Pilatus hat Lukas eine Szene eingefügt, in der Jesus vor Herodes (dessen Untertan er als Nazarener war) geführt wird. Dieser aber verspottet ihn nur, denn Jesus befriedigt sein Sensationsbedürfnis nicht.

Am wichtigsten ist aber wohl die dreifache Betonung der Unschuld Jesu durch Pilatus (23,4.14.22). Dadurch wird die Schuld am Tod Jesu einseitig den Juden zugeschoben. Jesus ist kein politischer Aufrührer.

Die Ostergeschichten

Übersicht: Lk 24,1-53

Im Rahmen der Ostergeschichten erzählt Lukas die Geschichte von den Emmaus-Jüngern, die in einmaliger Weise den Weg der Jünger von der furchtbaren Enttäuschung der Hinrichtung Jesu zu der Erkenntnis schildert, dass sich an ihm die Verheißungen der Schrift erfüllt haben. Wohl nicht zufällig erkennen die beiden Jünger ihren Herrn beim Abendmahl.

Die Ansage der (Heiden)Mission, der Befehl Jesu an seine Jünger, in Jerusalem zu bleiben, und die Himmelfahrt verknüpfen das Lk mit der Apg und werden dort wieder aufgenommen.

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