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Johannes

Das Johannesevangelium (Joh)

Übersicht: Grobgliederung des Joh

Besonderheiten

Das Joh unterscheidet sich erheblich von den synoptischen Evangelien. Das betrifft zunächst den Rahmen der Wirksamkeit Jesu. Im Joh wandert Jesus mehrfach zwischen Galiläa und Judäa bzw. Jerusalem hin und her. Er wirkt mehr als zwei Jahre, denn der Evangelist erwähnt drei Paschafeste (2,13; 6,4; 11,55). Auch das Todesdatum Jesu differiert im Joh von dem der Synoptiker. Nach diesen wird Jesus am Tag des Paschafestes gekreuzigt. Das Joh dagegen datiert seinen Tod auf den Tag vor dem Paschafest (vgl. 18,28; 19,31).

Literarisch bewegen wir uns im Joh im Vergleich zu den synoptischen Evangelien in einer anderen Welt. Das Joh wird von Reden Jesu geprägt, die eher thematischen Reflexionen gleichen. Die Taten Jesu dienen entweder als Anlass für seine Reden (z.B. Kap.6) oder sind in größere Szenen mit Dialogen und Reden eingebaut (z.B. Kap. 11). Dabei erscheinen die Wunder Jesu bis zum Äußersten gesteigert (11,39: Lazarus liegt schon vier Tage im Grab; 2,6: 480-720 l Wasser werden in Wein verwandelt).

Der Verfasser

Die älteste für uns greifbare Verfassertradition überliefert Irenäus von Lyon in seiner Schrift gegen die Häretiker. Danach ist Johannes, Sohn des Zebedäus, einer der zwölf Jünger Jesu, Verfasser des Evangeliums. Vermutlich greift diese Tradition die Angaben der johanneischen Redaktion aus Kap. 21 auf. Dort wird in 21,24 "der Jünger, den Jesus liebte" als Verfasser des Evangeliums bezeichnet. Da nur in Joh 21,2 die beiden Zebedäussöhne erwähnt werden, könnten beide Angaben miteinander kombiniert worden sein und hätten so zu der Verfasserangabe geführt, die Irenäus tradiert. Vielleicht hat man aber auch den in Kleinasien (Ephesus) bekannten Presbyter Johannes, der gelegentlich mit dem Joh in Verbindung gebracht wird, (fälschlicherweise) mit dem Zebedaïden identifiziert.

Sowohl die literarische Gestalt als auch das theologische Profil des Joh sprechen dagegen, dass ein Augenzeuge und Jünger Jesu sein Verfasser war. Die Verkündigung des "Reiches Gottes", die nach dem Zeugnis der synoptischen Evangelien im Zentrum der Botschaft Jesu stand, fehlt im Joh fast vollkommen (nur 3,3.5). Dagegen verkündigt der joh Jesus sich selbst (vgl. vor allem die "Ich-bin-Worte" [6,35; 8,12; 10,7.11; 11,25; 14,6; 15,1]). Das ist im Grunde genommen auch das einzige Thema der Offenbarungsreden des Joh.

Sein theologisches Profil weist den Verfasser des Joh als einen Autor aus, der die Wirksamkeit Jesu mit erheblichem Zeitabstand und auf einem hohen Reflexionsniveau betrachtet. Damit dürfte er kaum zur Generation der ersten Zeugen gehören. Da der Verfasser intensiv Traditionen nutzt, deren Ursprung im hellenistischen Judentum zu suchen ist, war er selbst möglicherweise Judenchrist. Dafür könnte auch die Geschichte der Adressaten sprechen.

Die Adressaten / Abfassungssituation

In seiner Endgestalt ist das Joh mit Sicherheit für eine heidenchristliche Gemeinde bestimmt. Jüdische Bräuche werden mehrfach für die Leser erläutert (2,6; 11,55; 18,28; 19,40). Auch das gespannte Verhältnis zwischen Juden und Samaritanern kann nicht einfach als bekannt vorausgesetzt werden (4,9). Hebräische und aramäische Fremdworte werden übersetzt (1,38.41.42; 4,25 u.ö.). Die Frage der Einhaltung der Tora spielt keine Rolle mehr.

Der Ursprung der joh Gemeinde dürfte hingegen in judenchristlichem Milieu zu suchen sein. So wird dreimal (9,22; 12,42; 16,2) der Ausschluss aus der Synagogengemeinde als Folge des Bekenntnisses zu Jesus als dem Christus erwähnt. Das setzt voraus, dass es eine Zeit gab, in der dieses Problem für die Gemeinde aktuell und bedrängend war. Zur Zeit der Abfassung des Evangeliums ist der Bruch vollzogen. Das spiegelt die distanzierten Rede von "den Juden" wider, die als Gegner Jesu erscheinen und schließlich als Teufelssöhne bezeichnet werden (8,37-45). Aber auch diese scharfe Polemik setzt noch eine ursprüngliche Nähe voraus.

Im Nachtragskapitel 21 betont dann eine Gruppe, dass das Zeugnis des Lieblingsjüngers "wahrhaftig" sei (21,24; vgl. 19,35). Das ist ein Indiz für eine neue, veränderte Konfliktsituation. Vermutlich war das Bekenntnis, dessen Zeuge der Lieblingsjünger nach Kap. 21 ist, umstritten. In der Gemeinde sind anscheinend Christen aufgetreten, die die Heilsbedeutung des Kreuzestodes Jesu Christi leugneten (Doketisten?). Aus dem Joh selbst sind hier nur vorsichtige Schlüsse möglich. Genauere Hinweise bietet erst der 1Joh.

Abfassungsort und -zeit

Als mögliche Varianten für den Entstehungsort des Joh werden in der Forschung Kleinasien (speziell Ephesus) und Syrien diskutiert. Für Kleinasien sprechen vor allem die altkirchliche Tradition, die Auseinandersetzung mit doketischen Tendenzen und die Wirkungsgeschichte des Joh. Für Syrien sprechen der Ursprung der angesprochenen Gemeinde (Kap. 1 reflektiert eine anfängliche Konkurrenz zur Täuferbewegung, Kap. 4 setzt wohl Kontakte zu den Samaritanern voraus) und die Nähe zur mandäischen Literatur, den Oden Salomos und den Briefen des Ignatius von Antiochien.

Die vorausgesetzte Diskussion um das christologische Bekenntnis, der literarische Charakter des Joh und die älteste handschriftliche Überlieferung legen eine Entstehung der Endfassung des Joh zu Beginn des 2. Jh. (ca.100-110) nahe.

Literarische und theologische Besonderheiten

Mit dem Joh haben wir eine Schrift vor uns, die deutliche Spuren eines längeren Wachstumsprozesses trägt. Die Geschichte von Jesus und der Ehebrecherin (7,53-8,11) fehlt in der ältesten Textüberlieferung. Sie trägt gänzlich unjohanneische Züge und ist sicher später eingefügt worden. Auch die Notiz in 4,2, dass nicht Jesus, sondern seine Jünger tauften, dürfte eine spätere Korrektur sein.

In der Forschung ist weithin unbestritten, dass es sich bei Kap.21 um den Nachtrag einer Redaktion handelt. Darauf deuten sowohl der doppelte Evangelienschluss (20,30f/ 21,25) als auch die Identifizierung des Lieblingsjüngers mit dem Verfasser des Evangeliums hin, da in 21,23 dessen Tod vorausgesetzt ist. Ob die Redaktion noch weitere Spuren im Evangelium hinterlassen hat, ist umstritten. Die überraschende Weiterführung der Abschiedsrede in 15,1 (nach 14,31) und der Schluss der Brotrede (6,51c-58 mit der Bezugnahme auf das Herrenmahl) lassen das vermuten. Auch die zum vorherigen Geschehen unpassende Überleitung in 6,1 könnte auf eine Umstellung innerhalb des Textes hindeuten, die dann ebenfalls auf die Redaktion zurückzuführen wäre. Weitere Abschnitte werden unter diesem Aspekt diskutiert.

Das Evangelium wird durch den Prolog und die Bemerkung über den Zweck des Evangeliums gerahmt. Die dazwischenliegenden Teile verraten ein ausgeprägtes Interesse des Verfassers an größeren Zusammenhängen (es finden sich immer wieder Vor- und Rückverweise). Er gestaltet dramatische Szenen (Kap. 9). Häufig arbeitet der Verfasser mit mehrdeutigen Begriffen (z.B. "weggehen" 7,34; 8,21) und Aussagen Jesu, die erst im Kontext nachösterlicher Christologie verständlich werden (z.B. 2,19). Die Deutung bietet er in eingefügten Kommentaren für die Leser, die so auf einer Metaebene über den Sinn des Geschehens informiert werden.

Die joh Theologie bedient sich häufig dualistischer Aussagen. Licht und Finsternis, Oben und Unten, der gottferne "Kosmos" und der Gesandte und Offenbarer Gottes und "die Seinen" werden einander gegenübergestellt.

Der Prolog

Der Verfasser eröffnet sein Evangelium mit einem Hymnus auf den präexistenten Logos (λόγος/ logos = Wort). Dabei greift er auf die frühjüdische Weisheitstheologie zurück. In den Hymnus sind zwei Abschnitte eingefügt worden (1,6-8.15), die von der Wirksamkeit Johannes des Täufers berichten. In diesen Abschnitten wird der Täufer bewusst gegenüber dem Logos abgewertet.

In der letzten Strophe des Hymnus (1,14-18) wird der Logos mit dem Sohn Gottes identifiziert. In ihm ist der Logos Fleisch geworden und hat auf der Erde gewirkt (1,14 paradoxe Verknüpfung von "Fleisch" als Synonym für die irdische Schwäche des Menschen und "Herrlichkeit"). Nur der Logos hat direkten Zugang zu Gott. Die Menschen sind auf seine Offenbarung und Auslegung Gottes angewiesen (1,18).

Der Täufer, die ersten Jünger

Nach dem eröffnenden Hymnus berichtet auch das Joh von der Wirksamkeit Johannes des Täufers. Das Hauptinteresse liegt dabei auf der Verhältnisbestimmung Jesus-Täufer. Der Täufer betont ausdrücklich, dass er nicht der Messias ist (1,20), sondern der untergeordnete Vorläufer des Kommenden. Jesus ist das "Lamm Gottes" (1,29.36) und als Geistträger der Geisttäufer (1,32-34). Die ersten beiden Jünger Jesu stammen aus dem Umkreis des Täufers. Drei weitere Jüngerberufungen folgen.

Die Offenbarung Jesu vor "der Welt"

Übersicht: Joh 2,1-12,50

In der ersten Hälfte seines Evangeliums berichtet Joh von der öffentlichen Wirksamkeit Jesu. Dabei wird der Abschnitt 2,1-3,36 durch das abschließende letzte Zeugnis des Täufers noch einmal besonders hervorgehoben.

Die öffentliche Wirksamkeit Jesu beginnt mit dem Weinwunder bei der Hochzeit in Kana (2,1-12). In 2,4 erfolgt der erste Verweis auf "die Stunde Jesu". Am Ende wird das Wunder als "Zeichen" (σημεῖον/ semeion) bezeichnet. Dieser Begriff spielt für das Verständnis der Taten Jesu im Joh eine ganz erhebliche Rolle.

Die Tempelreinigung (2,13-25), die die synoptischen Evangelien im Zusammenhang des Auftretens Jesu in Jerusalem vor der Passion berichten, steht bei Joh am Anfang der Wirksamkeit Jesu. In ihr wird zeichenhaft sein Geschick sichtbar (2,21f).

In der Offenbarungsrede Jesu, die aus dem Gespräch mit Nikodemus (3,1-21) erwächst, werden wesentliche Linien joh Theologie entfaltet. In der Sendung des Sohnes wendet sich Gottes Liebe der Welt zu. Die Haltung der Menschen zum Sohn (Glaube/ Unglaube) entscheidet hier und jetzt über ihr Schicksal (präsentische Eschatologie).

Das abschließende Zeugnis des Täufers (3,22-26) betont noch einmal seine Vorläuferrolle und wiederholt leicht modifiziert die Aussagen der Offenbarungsrede.

Auf dem Weg durch Samaria (4,1-42) trifft Jesus die Frau am Jakobsbrunnen. Gott muss "im Geist und in der Wahrheit" angebetet werden (4,24). Damit werden alle partikularistischen Kulte hinfällig. Als zweites Zeichen folgt die Heilung des Sohnes des königlichen Beamten (4,43-54).

Die Heilung des Gelähmten am Teich Betesda führt zur ersten großen Auseinandersetzung Jesu mit den Juden. Zunächst wird Jesus angefeindet, weil die Heilung am Sabbat erfolgte. Dann entzündet sich der Streit aber an der Gottessohnschaft Jesu. Gott als der Vater hat Jesus als dem Sohn die Vollmacht, lebendig zu machen, übertragen (5,21). Die anschließenden Aussagen über das Gericht und die Auferweckung der Toten sind nicht einheitlich. Traditionelle Formulierungen (5,28f.) stehen neben joh geprägten (5,25-27). Am Ende der Rede verweist Jesus auf die Schrift und Mose, die vom ihm zeugen (5,1-47).

Kap.6 schließt erzählerisch schlecht an das Vorrangegangene an, denn jetzt ist Jesus plötzlich am See Tiberias. Die Speisung der 5000 und der Seewandel Jesu entsprechen in dieser Reihenfolge der synoptischen Tradition. Im Detail zeigen sich allerdings erhebliche Unterschiede. So wird die Souveränität Jesu stark betont (6,6) und auch die abschließende Reaktion der Menge (Jesus ist der Prophet/ Versuch, ihn zum König zu machen) findet sich bei den Synoptikern nicht. Letztlich dient die Speisungsgeschichte als Anlass für die Offenbarungsrede vom Brot des Lebens. Gott ist der eigentliche Geber des Brotes schon für die Väter gewesen (6,31). Jetzt gibt er das Brot des Lebens in Jesus (6,35). Wer zu ihm kommt und an ihn glaubt, stirbt nicht (6,50). Am Ende der Rede werden diese Aussagen dann auf das (heilsnotwendige) Essen und Trinken von Fleisch und Blut des Offenbarers im Abendmahl bezogen.

An den Worten Jesu entzündet sich der Streit unter den Jüngern. Viele von ihnen verlassen Jesus. Petrus spricht für die Zwölf das Bekenntnis zu dem, der "Worte ewigen Lebens" hat. Aber gerade unter den treu Gebliebenen ist mit Judas der Verräter schlechthin (6,64.70f.). Hier dürften sich Erfahrungen des Autors in der erzählten Welt niedergeschlagen haben.

Nach einer Auseinandersetzung mit seinen Brüdern zieht Jesus heimlich zum Laubhüttenfest nach Jerusalem (7,1-8,59).

Unter den Juden gibt es Auseinandersetzungen über ihn (sowohl unter dem einfachen Volk als auch im Hohen Rat). Jesus kündigt in rätselhaften Worten seine Rückkehr zum Vater an (7,33) und spricht von der Gabe des Heiligen Geistes (7,37f.).

In zwei kurzen Offenbarungsreden redet Jesus von der Wahrhaftigkeit seines Zeugnisses. Er ist das Licht der Welt (8,12). Im Anschluss entzündet sich eine scharfe Kontroverse zwischen Jesus und Juden (!), die an ihn glauben (8,31-59). Da sie die Befreiung durch den Sohn nicht wirklich angenommen haben, werden sie als Söhne des Teufels bezeichnet (8,44). Jesus ist größer als Abraham, denn er schenkt ewiges Leben und war eher als dieser (Präexistenz).

In der großen dramatischen Szene von der Heilung des Blindgeborenen und den sich daraus ergebenen Auseinandersetzungen (9,1-10,21) schildert das Joh vermutlich Erfahrungen der frühen joh Christen mit ihrer jüdischen Umwelt. Zu Beginn wendet sich Jesus ausdrücklich gegen die traditionelle Sündenvorstellung (9,3). Die Heilung geschieht zur Offenbarung des Wirkens Gottes. Der Geheilte wird am Ende von den Juden hinausgeworfen (9,34). Da das aufgrund seines Bekenntnisses zu Jesus geschieht, dürfte die Szene für erfahrene Synagogenausschlüsse transparent sein.

In der Rede vom guten Hirten wendet sich Jesus gegen die Pharisäer und vergleicht sie mit Dieben, Räubern und Mietlingen. Jesus dagegen gibt sein Leben für die Schafe. Beim Tempelweihfest kommt es zur erneuten Konfrontation mit den Juden. In diesem Zusammenhang fällt der joh Spitzensatz: "Ich und der Vater sind eins." (10,30).

Die Auferweckung des Lazarus führt zum Todesbeschluss des Hohen Rates (11,1-57). Die Auferweckung ist Zeichen der Sendung Jesu von Gott (11,42). Im Gespräch mit Marta setzt sich Jesus mit der traditionellen Auferstehungshoffnung auseinander. Jesus ist die Auferstehung und das Leben (11,25).

Nach der Salbung in Betanien (12,1-11) zieht Jesus in Jerusalem ein (12,12-50). Die Frage der Griechen nach Jesus und ihr Begehren, ihn zu sehen, zeigen, dass die Stunde der Verherrlichung gekommen ist. "Erhöhung" und "Verherrlichung" sind die joh Begriffe für den Kreuzestod Jesu, der so als Sieg Jesu gedeutet wird. Nach dem Urteil über den Unglauben der Juden (Erfüllung von Jes 6,10) fordert Jesus am Ende seiner öffentlichen Wirksamkeit erneut zur Entscheidung für den rettenden Glauben auf.

Die Offenbarung Jesu vor "den Seinen"

Übersicht: Joh 13,1-17,26

Die Szene vom letzten Mahl hat der Autor des Joh um eine lange Abschiedsrede Jesu erweitert. Dafür fehlt die Abendmahlsüberlieferung.

Die Fußwaschung Jesu (13,1-30) wird zunächst auf sein Heilswerk gedeutet, das im Kreuzesgeschehen gipfelt (13,7-11), und dann auf das Liebeshandeln der Jünger untereinander bezogen (13,12-17).

Nach der Verratsankündigung (in dieser Szene begegnet erstmalig der Lieblingsjünger) folgt eine lange Abschiedsrede Jesu an die Jünger (13,31-16,33). Die Rede wird in 14,31 durch die Aufforderung Jesu zum Aufbruch unterbrochen. Möglicherweise sollen die Leser dadurch darauf aufmerksam gemacht werden, dass etwas Neues folgt. Tatsächlich rückt in dem folgenden Redenteil das Weiterleben der Jüngergemeinde in der Welt in den Vordergrund.

Im Zentrum des ersten Redenteils (13,31-14,31) steht das Ich-bin-Wort in 14,6 (Jesus als Weg, Wahrheit und Leben). Sein Weggang soll von den Jüngern positiv verstanden werden. Sie werden, wenn sie glauben, größere Werke als Jesus vollbringen. Der Vater wird ihnen den Geist (im Joh bezeichnet als Paraklet – Tröster, Beistand) senden, der sie an die Worte Jesu erinnert (14,26). Wichtig für das joh Verständnis des Verhältnisses Gott-Jesus-Gemeinde sind die Immanenzformeln, die mehrfach in den Abschiedsreden begegnen (14,20 vgl. 15,4.6.7).

Im zweiten Redenteil (15,1-16,4a) stehen das Liebesgebot (vgl. 13,34f.) und der Trost für Verfolgungssituationen im Mittelpunkt. Für das Verhältnis Gott-Jesus-Gemeinde begegnet hier das Bild von Weingärtner-Weinstock-Weinreben. In der Verfolgung erleiden die Jünger das Schicksal Jesu.

Im dritten Redenteil (16,4b-24) wird noch einmal die Sendung des Parakleten angekündigt, der die Welt überführen wird (16,8). Die Jünger aber wird er "in die ganze Wahrheit führen"(16,13). Am Ende ist erneut die Trauer der Jünger über den Weggang Jesu das Thema, die aber in Freude umschlagen wird (16,22).

Das "hohepriesterliche Gebet" Jesu (17,1-26) schließt die Mahlszene ab. Jesus legt Rechenschaft vor dem Vater ab, bittet für die Heiligung der Jünger in der Welt und alle Glaubenden (beachte die starke Betonung der Einheit der Gemeinde).

Die Erhöhung und Verherrlichung des Offenbarers

Übersicht: Joh 18,1-20,29

Schon die Verhaftungsszene zeigt, dass der Autor des Joh auch in der Passionsgeschichte die Souveränität Jesu bis zum Äußersten betont. Jesus muss die vor seinem Offenbarungswort zu Boden stürzenden Häscher auffordern, ihn zu verhaften (18,8).

Die Verhandlung vor Pilatus beschreibt meisterhaft das Hin- und Hergerissensein des irdischen Richters zwischen den Parteien. Er pendelt ständig zwischen den Juden und Jesus. Letztlich ist auch er nur ein Werkzeug Gottes (19,11).

Während der Evangelist am Ende der Verhörszene Jesus als den gedemütigten Menschen schlechthin zeichnet (10,5), deutet er die Kreuzigung als Vollendung des Heilswerkes Jesu (19,30). Alle Züge eines irdischen Scheiterns fehlen. Das feierliche Zeugnis in 19,35 betont die Heilsbedeutung des Kreuzestodes (wahrscheinlich schimmert hier die aktuelle Auseinandersetzung in der joh Gemeinde durch).

Die Erscheinungen des Auferstandenen zielen letztlich auf das Wort Jesu in 20,29 ab. Hier hat das erzählte Geschehen über die Erzählebene hinaus unmittelbar die Leser im Blick, denn sie müssen glauben ohne zu sehen. Sie haben "nur" das Zeugnis des Joh.

Erster Evangelienschluss und Nachtragskapitel der Redaktion

Übersicht: Joh 20,30-21,25

Nach dem ursprünglichen Schluss des Evangeliums (20,30f.) fügt die Redaktion des Joh ein Nachtragskapitel an. Dabei scheint ihr vor allem daran zu liegen, das Verhältnis zwischen Petrus und dem Lieblingsjünger zu klären. Der Lieblingsjünger erkennt Jesus (21,7a), er bleibt bis zum Kommen Jesu (21,22). Petrus eilt Jesus entgegen (21,7b), er soll die Gemeinde weiden (21,15-17) und wird das Todesschicksal Jesu teilen (21,18f.).

Am Ende betont die Redaktion die Wahrheit des Zeugnisses des Lieblingsjüngers (21,24). Offensichtlich beruft sie sich auf ihn als Zeugen.

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