Mit dem Buch Josua beginnt ein Abschnitt, der in der jüdischen Tradition "vordere Propheten" genannt wird. Im wissenschaftlichen Sprachgebrauch hat sich für diesen Textkomplex die Bezeichnung "Deuteronomistisches Geschichtswerk" (DtrGW) eingebürgert, wobei bereits das Deuteronomium zu diesem Komplex gerechnet werden kann.
Der Name rührt daher, daß sich an verschiedenen wichtigen Nahtstellen Texte finden, die im Geist der Sprache und Theologie des Deuteronomiums geschrieben wurden. Sie stammen offenbar aus einer Schule von Schriftgelehrten, die sich dem Dtn verpflichtet fühlten, daher der Name "Deuteronomisten" für diese Schriftsteller und Redaktoren. Nach einer grundlegenden These von Martin Noth muß man sich das Wachstum dieser Textkomplexe als einen sehr komplizierten Vorgang vorstellen. Dabei sind in mehreren Stufen alte Sammlungen (vgl. das "Buch der Könige Judas", 2.Kön 20,20) zusammengestellt und durch eigene Stücke gerahmt oder interpretiert worden. Dafür sind besonders die Texte Jos 1+24; Ri 2; 1.Kön 8 charakteristisch. Diese rahmenden Stücke lassen eine eigene Geschichtstheologie erkennen, die die Ereignisse der Geschichte Israels daran mißt, ob sich die jeweiligen Generationen an die im Deuteronomium verlangte Alleinverehrung Gottes gehalten haben. Nach jüngeren Forschungen hat das Werk über Generationen hinweg verschiedene neue Überarbeitungen erfahren. Einzelne Forscher gehen davon aus, daß die jeweiligen Schichten dieser Erweiterungen an je eigenen theologischen Interessen (Geschichtsschreibung, Gesetz, Prophetie) erkennbar seien. Dabei ist strittig, ob es sich um Ergänzungen in drei umfassenden Redaktionstufen oder um vielfältige, weniger eindeutig zuzuordnende Fortschreibungen handelt. Neu diskutiert wird in der letzten Zeit auch der Zusammenhang mit dem Pentateuch, so daß man vom "Enneateuch" als Gefüge von neun Schriften (Gen-Kön, ohne Ruth) spricht, das einmal die Geschichte von der Schöpfung bis zum Exil darstellen sollte. Da das Deuteronomium ja seinerseits mit einem Rückblick auf Vätergeschichte und Exodus beginnt, wird auch überlegt, ob es einmal eine Version des Deuteronomistischen Geschichtswerkes gab, die mit dem Dtn begann.
Auffallend ist auch, daß oft an entscheidenden Stellen Prophetengestalten auftreten, die das Geschehen auf Gottes Wort hin deuten. Geschichte wird im DtrGW nie ohne Absicht erzählt, immer mit Deutung und Wertung am Maßstab der im Deuteronomium erteilten Tora. Daher ist die jüdische Bezeichnung dieser Texte als "vordere Propheten" sachlich gerechtfertigt. Der Talmud führt darüber hinaus auf, welcher der bekannten Propheten welches Buch geschrieben haben soll. So soll Jeremia Autor des Königebuches gewesen sein, das Buch Jesaja sei dagegen vom König Hiskija und seinen Weisen geschrieben worden.
Inhaltlich bietet das Deuteronomistische Geschichtswerk die Geschichte Israels von der Landnahme des Westjordanlandes über die Richter - und Königszeit bis zum Beginn des babylonischen Exils nach der Tempelzerstörung 587/6. Diese Zeitspanne, besonders die Königszeit nach David und Salomo, wird letztlich als Geschichte des Abfalls von Gott und seinen Weisungen gewertet. Die Zerstörung des Tempels und das Exil gelten daher als gerechtfertigte Strafe, nicht etwa als unerklärliches Schicksal. Nach all dem mutet der Schluß, die Begnadigung des Königs Jojachin, etwas seltsam an. Doch er soll wohl andeuten, daß die Verfasser/ Kompilatoren durchaus eine heilvolle Perspektive für Israels Zukunft gehabt haben.
Gute Überblicke über die derzeit diskutierten Thesen finden sich bei:
J.Chr. Gertz (Hg.), Grundinformation Altes Testament, UTB 2745, 2006, 187-215
E. Zenger (Hg.), Einleitung in das Alte Testament, 5. Aufl. 2004, 191-202.
Autoren: Martin Rösel (AT), Klaus-Michael Bull (NT)
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