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Vordere Propheten

Vordere Propheten / Deuteronomistisches Geschichtswerk

Bezeichnung

Mit dem Buch Josua beginnt ein Abschnitt, der in der jüdischen Tradition "vordere Propheten" genannt wird. Im wissenschaftlichen Sprachgebrauch hat sich für diesen Textkomplex die Bezeichnung "Deuteronomistisches Geschichtswerk" (DtrG) eingebürgert, wobei mitunter auch das Deuteronomium zu diesem Komplex gerechnet wird. Das Buch Rut steht zwar zwischen Richter- und Samuelbuch, gehört aber ursprünglich nicht zu diesem Textkomplex; in der jüdischen Tradition steht es bei den Festrollen, Megillot.

Der Name DtrG rührt daher, dass sich an verschiedenen wichtigen Nahtstellen Texte finden, die im Geist der Sprache und Theologie des Deuteronomiums geschrieben wurden. Sie stammen offenbar aus einer Schule, die sich dem Dtn verpflichtet fühlte, daher der Name "Deuteronomisten" für diese Schriftsteller und Redaktoren. Nach der grundlegenden These von Martin Noth muss man sich das Wachstum dieser Textkomplexe als komplizierten Vorgang vorstellen, an dessen Ende ein Werk entstanden war, das von Dtn 1 bis 2.Kön 25 reichte. Dabei sind in mehreren Stufen alte Sammlungen (vgl. das "Buch der Könige Judas", 2.Kön 20,20) zusammengestellt und durch eigene Stücke gerahmt oder interpretiert worden. Charakteristisch dafür sind beispielsweise die Texte Jos 1+24; Ri 21.Kön 8 (vgl. im Anhang die Übersicht zu den Rahmenstücken des DtrGW). Diese rahmenden Stücke lassen eine eigene Theologie erkennen, die die gesamte Geschichte Israels daran misst, ob sich die jeweiligen Generationen an die im Deuteronomium (Dtn 12) verlangte Alleinverehrung Gottes (Monolatrie) gehalten haben. Das führte z.B. dazu, dass das Nordreich Israel, das ja eigene Tempel hatte und sich nicht an Jerusalem hielt, durchgängig negativ bewertet wird. Die Geschichtsdarstellung Israels und Judas ist demnach von Kriterien abhängig, die erst nach den eigentlichen Ereignissen von der deuteronomisch/ deuteronomistischen Bewegung formuliert wurden. Geschichtsschreibung im modernen Sinne kann also in diesen Büchern nicht erwartet werden. Nach jüngeren Forschungen ist das Werk aber längst nicht so einheitlich, wie Noth es sehen wollte. Über Generationen hinweg hat es offenbar Überarbeitungen verschiedener Art erfahren. Dabei ist strittig, ob es sich um Ergänzungen in drei umfassenden Redaktionsstufen oder um vielfältige, weniger eindeutig zuzuordnende Fortschreibungen handelt. Neu diskutiert wird in der letzten Zeit auch der Zusammenhang mit dem Pentateuch, so dass man vom „Enneateuch“ als Gefüge von neun Schriften spricht. Auch die Hexateuch-These, nach der der Erzählfaden der Tora erst im Josuabuch abgeschlossen ist, wird neu diskutiert. Unklar ist schließlich auch, ob und zu welcher Zeit die Schriftensammlung Josua bis 2.Könige – oder auch nur ein erster Teil – mit dem Deuteronomium begonnen hat.

Auffallend ist, dass oft an entscheidenden Stellen Prophetengestalten auftreten, die das Geschehen auf Gottes Wort hin deuten. Daher ist die jüdische Bezeichnung "vordere Propheten" sachlich gerechtfertigt. Der Talmud ordnet darüber hinaus einzelnen Propheten konkrete Bücher zu. So soll Jeremia Autor des Königebuches gewesen sein, das Buch Buch Jesaja sei dagegen vom König Hiskija und seinen Weisen geschrieben worden. In der jüdischen Tradition werden die vier vorderen Propheten mit den vier hinteren Propheten Jesaja, Jeremia, Ezechiel und Zwölfprophetenbuch parallelisiert. Auszüge aus diesen Büchern werden im Synagogengottesdienst als Haftara nach der Tora gelesen.

Inhalt

Inhaltlich bietet das Deuteronomistische Geschichtswerk die Geschichte Israels von der Landnahme des Westjordanlandes über die Richter - und Königszeit bis zum Beginn des babylonischen Exils nach der Tempelzerstörung 587/6. Diese Zeitspanne, besonders die Königszeit nach David und Salomo, wird letztlich als Geschichte des Abfalls von Gott und seinen Weisungen gewertet. Die Zerstörung des Tempels und das Exil gelten daher als gerechtfertigte Strafe, nicht etwa als unerklärliches Schicksal. Nach all dem mutet der Schluss, die Begnadigung des Königs Jojachin, etwas seltsam an. Doch er soll wohl andeuten, dass die Verfasser/Kompilatoren durchaus eine heilvolle Perspektive für Israels Zukunft gehabt haben.

Literatur

Gute Überblicke über die derzeit diskutierten Thesen finden sich bei:
J.Chr. Gertz (Hg.), Grundinformation Altes Testament, UTB 2745, 2006, 187-215
E. Zenger (Hg.), Einleitung in das Alte Testament, 5. Aufl. 2004, 191-202.

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