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Genesis/ 1.Mose

Gliederung

Diese erste Übersicht über das Buch Genesis orientiert sich an inhaltlichen Gesichtspunkten. Sie trennt die Urgeschichte als den Bereich ab, der sich mit der ganzen Menschheit vom Ursprung bis hin zu Abraham beschäftigt, darauf folgen Erzählungen über die Väter Israels und der große Bogen der Josefsnovelle. Über diese inhaltliche Strukturierung hinaus gibt es ein dem Text der Genesis eigenes Gliederungsmerkmal, die sogenannten Toledot-Formeln (תּוֹלְדוֹת, Geschlechterfolge, von hb. ילד jālad, gebären).

Übersicht über die Toledot-Formeln

Diese Formeln gelten als Bestandteil der priesterlichen Quellenschicht (P), sie kennzeichnen den allmählichen Übergang von der allgemeinen Weltgeschichte zum Kern der Geschichte Israels. Dies lässt sich bereits an den Stammbäumen in Gen 1-11 ablesen, die von Adam bis Abram reichen.

Urgeschichte

Die eigentliche Urgeschichte ist aus mindestens zwei Quellen zusammengesetzt, nach der klassischen Theorie aus Stücken der Priesterschrift (P) und des Jahwisten (J). Diese Stücke auszusondern ist nicht Gegenstand einer Bibelkunde. An einigen Stellen lassen sich noch die Nahtstücke zwischen den beiden Schichten erkennen, so besonders in  2,4 und 6,5-13.

Vätergeschichten

Im Bereich der Vätergeschichten tritt nach traditioneller Ansicht zu den bisher zwei Quellenschriften eine weitere hinzu, die wegen der Verwendung des Gottesnamens אֱלֹהִים, Elohim, in der Forschung Elohist (E) genannt wird. Diese Schrift soll schon früh mit dem Jahwisten zu einer Schrift verbunden worden sein, dafür steht dann das Siglum JE. Die Existenz dieser Quelle ist in der Forschung noch strittiger als die der Priesterschrift und des Jahwisten. Als klassische Texte des Elohisten gelten Gen 15; 20; 21,8-34 und Kap. 22*.

Der in den Vätergeschichten postulierte genealogische/ verwandtschaftliche Zusammenhang zwischen den einzelnen Erzvätern ist sicherlich sekundärer Art. Die einzelnen Patriarchen waren ursprünglich eigenständig, das zeigen allein die unterschiedlichen Kultorte. Nur Sichem wird für Abraham (12,6f) wie für Jakob (33,18-20) erwähnt, sonst haben alle Väter eigene Kultorte. Wahrscheinlich gab es ursprünglich Sagen unterschiedlicher Sippen, die sich um das Familienoberhaupt rankten. Die Erzählungen wurden dann in späterer Zeit so miteinander kombiniert, dass sie das Schema einer durchlaufenden Familiengeschichte ergaben. Erkennbar ist dieses Phänomen beispielsweise an den wechselnden Kultorten oder an der Tatsache, dass eine einzelne Erzählung, die von der Gefährdung der Ahnfrau, an drei Stellen von zwei Erzvätern erzählt wird (Gen 12; 20; 26).

Abrahamsgeschichte

Übersicht über die Abrahamsgeschichte

Wichtigstes Motiv, mit dem die Erzählungen zusammengebunden werden, ist die Wiederholung der Segenszusage, die auch die Gabe des Landes umfasst. So verheißt Gott in 12,1-3 dem Abra(ha)m, in 26,24 dem Isaak und in 28,13f. dem Jakob das Land. Allerdings gilt die Verheißung erst den Nachkommen der Erzväter, dem Volk Israel, das aus Ägypten ausziehen wird. Erzählerisch wird dieses Motiv dadurch ausgestaltet, dass viele Einzelerzählungen die Gefährdung des Segens thematisieren. So werden Sara und Rebekka durch ausländische Könige bedroht. Alle drei Mütter der späteren Zentralgestalt (Sara, Rebekka, Rahel) sind zunächst unfruchtbar, die Geburt des späteren Verheißungsträgers ist also gefährdet. Jakob und Esau streiten um den Segen (Kap. 25+27), Josef wird durch seine Brüder in seiner Existenz bedroht (Kap. 37). Im Hintergrund steht die Überzeugung, dass Gottes Segen sich gegen allen Anschein durchsetzt. Dies ist wohl auch für das Motiv verantwortlich, dass der eigentlich nicht erbberechtigte Sohn Träger der Verheißung wird, so bei Isaak, Jakob und Josef. In den Erzählungen wird auch ein ätiologisches Interesse deutlich, wenn etwa die Unfruchtbarkeit des Gebietes des südlichen Toten Meeres mit Gottes Schwefelregen (19,24) und die bis heute dort sichtbaren Salzsäulen mit dem Ungehorsam von Lots Frau erklärt werden (19,26). Die Erzählinteressen späterer Zeiten verraten sich in der Verächtlichmachung von Israels Nachbarn Moab und Ammon durch die Erzählung vom Inzest der Töchter Lots (19,30–38). Zur besonderen Problematik der Bundesvorstellung vgl. das Thema-Kapitel "Bund".

Isaakgeschichte

Übersicht über die Isaakgeschichte

Über Isaak ist kein eigentlicher Sagenkreis erhalten; er wird als Sohn im Rahmen der Abrahamserzählungen und als Vater im Rahmen des Jakob-Esau-Kreises erwähnt. Wegen der Toledot-Formel in 25,19 soll hier dennoch von einer Isaak-Geschichte gesprochen werden. Als eigenständige Isaak-Erzählung kann aber nur  Kap. 26 gelten, das ihn mit Abimelech, dem König von Gerar (südöstlich von Gaza) verbindet.

Jakob-Esau-Geschichte

Übersicht über die Jakob-Esau-Geschichte

Die Jakob-Esau-Geschichten sind sehr viel stärker durchkomponiert als die Abrahamserzählungen. Es geht um die unterschiedlichen Dimensionen des Konflikts zwischen Jakob und Esau. Dazwischen steht in den Kapiteln 29-31 der Erzählkreis um Jakob und Laban. Zentrales Thema ist der Segen, seine Erlangung (27+28; 32) und seine Auswirkungen (29-31). Dabei wirkt die fast magisch zu nennende Vorstellung des nur einmal zu erteilenden Segens in Kap. 27 heute besonders fremd. Erneut begegnen uns ätiologische Erzählungen, in denen bestimmte Dinge oder Namen (Etymologie) begründet werden, vgl. die Benennung von Bet-El in 28,19, die Erklärung der Stammesnamen in Kap. 30 oder bereits früher die Deutung des "Kainsmals" in 4,15.

Josefsgeschichte

Übersicht über die Josefsgeschichte

Die Josefsgeschichte ist sicher jünger und im Unterschied zu den bisherigen Texten eine in sich geschlossene Einheit (Novelle), die durch die Juda-Tamar-Geschichte in Kap. 38 unterbrochen wird. Daher wird die Josefsnovelle meist nicht zu den eigentlichen Vätergeschichten gezählt. Auch die Stammessprüche in Kap. 49 sind vermutlich nachträglich eingefügt worden. Inhaltlich hat die Josefsnovelle die Funktion, zum Schauplatz des Buches , nach Ägypten, überzuleiten. Leitlinie ist, dass hinter der erzählten, sichtbaren Geschichte die unsichtbare Führung Gottes zum Guten steht. Die Josefsgeschichte hat zudem den Charakter einer weisheitlichen Lehrerzählung. Sie berichtet, wie sich ein paradigmatischer Weiser verhält, und wie ihm durch seine Weisheit und durch Beachtung weisheitlicher Grundsätze Gutes widerfährt. Es gibt sehr enge Parallelen zu den Erzählungen in Daniel 1-5, besonders bei dem Motiv des Traumdeutens. Der (israelitische) Weise vermag die Träume zu deuten, während die einheimischen Experten versagen. Dennoch wird Ägypten fast durchgängig positiv dargestellt, was typisch für Literatur ist, die das Leben in der Diaspora behandelt. Nur gelegentlich wird die Differenz markiert, vgl. 43,32: "Denn die Ägypter dürfen nicht essen mit den Hebräern; denn es ist ein Greuel für sie."

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