Der Name des Buches Exodus, "Auszug", gibt nur eines der Themen an, die in diesem Buch von Bedeutung sind. Auf die durch Gottes Einwirken erfolgreiche Flucht aus Ägypten (1-15) folgt die Wanderung zum Sinai (16-18). Danach beginnt ein Abschnitt, der bis in das Buch Numeri (Kap. 10) reicht, die sogenannte Sinaiperikope. In diesen Texten wechseln sich erzählende Partien und eingefügte Gesetzeskorpora ab. Dabei ist theologisch bedeutsam, daß Gottes erstes Wort, seine erste Tat an Israel als Volk nicht die Forderung, sondern die Zuwendung/ Rettung ist. Auch hier, wie schon in der Urgeschichte Gen 2-4, ist die Möglichkeit des Abfalls von Gott in der Erzählstruktur vorgesehen. Dafür steht die Erzählung vom Goldenen Kalb (Kap. 32), aber auch das Vergeben Gottes wird berichtet (Kap. 34).
Das Buch Exodus setzt inhaltlich da ein, wo die Genesis aufgehört hatte: Die Jakobsöhne halten sich in Ägypten auf, ihnen gilt aber die Zusage Gen 50,24, daß Gott sie aus Ägypten herausführen werde.Ex 1,1 beginnt mit den Namen der Söhne Israels/ Jakobs, also mit der Familienperspektive, erweitert dann aber in V. 9 den Horizont: "Siehe, das Volk der Israeliten ist uns zu zahlreich und zu stark…" Fortan geht es also um das Volk Israel mit seinen Anführern Mose und Aaron.
Im Durchgang durch die Kapitel 1 bis 15 sind verschiedene Texte von hoher theologischer oder bibelkundlicher Bedeutung. Wichtig ist vor allem der Vers 3,14, (vgl.6,2), in dem als einziger Stelle im ganzen AT der Gottesname יהוה, JHWH, eine Deutung erhält: אֶהְיֶה אֲשֶׁר אֶהְיֶה, ’æhejæh ’ašær ’æhejæh, (Ex 1,1-15,1). "ich werde sein, der ich sein werde/ ich bin, der ich bin". Den Stellen 3,14 und 6,2 ist gemeinsam, daß sie voraussetzen, den Israeliten werde der Gottesname erst hier mitgeteilt, den Vätern habe Gott sich nicht unter seinem eigentlichen Namen zu erkennen gegeben. Dies ist einer der Ansatzpunkte der sog. Keniter- oder Midianiterhypothese, nach der der JHWH-Glaube aus Midian kommt und von den Kenitern (vgl. die JHWH-Verehrung der Nachkommen des Kain in 4,26) oder Midianitern (Moses Schwiegervater in Ex 18) übernommen worden sei.
Die Berufungsgeschichten des Mose zeigen wie andere alttestamentliche Berufungsberichte das Motiv, daß sich der zu Berufende gegen den Auftrag wehrt (vgl. Jer 1).
Die Erzählung von den 10 Plagen deutet im Erzählverlauf an, was den Pharao letztendlich dazu bewegt, die Israeliten gehen zu lassen. Die letzte Plage wird erst mit dem Passa-/ Auszugsgeschehen berichtet. Die Zeichen wollen die einzigartige Macht Gottes bezeugen, daher auch der teilweise (vgl. die einzelnen Plagen) berichtete Wettkampf mit den ägyptischen Zauberern. Die Plagen 1-9 haben dabei Anhalt an Naturerscheinungen, die in Ägypten beobachtet werden können. 1: Nilwasser zu Blut, 2: Frösche, 3: Mücken, 4: Bremsen, 5: (Tier-)Pest, 6: Beulen/ Geschwüre, 7: Hagel, 8: Heuschrecken, 9: Finsternis, 10: Tötung der Erstgeburt. Die Plagenerzählung ist sicher aus verschiedenen Überlieferungssträngen zusammengesetzt.
Das Passafest (פֶּסַח, pæsaḥ) war früher wohl ein Hirtenfest, bei dem ein Schaf geschlachtet wurde. Das Bestreichen des Türpfostens mit dem Blut ist ein alter apotropäischer (unheilabwehrender) Ritus, der Schutz vor einem Dämon bewirken sollte. Später wurde das Passa mit dem Mazzot -Fest, einem Ritus zur ersten Ernte, verbunden. Noch später geschah eine Interpretation durch das Exodusereignis. Das Halten von Passa-Mazzot soll an die Herausführung aus Ägypten erinnern (vgl. 13,8: "Und du sollst das deinem Sohn an jenem Tage erklären").
Der Bericht über die Begebenheiten am Schilfmeer weist zwei ineinandergewebte Versionen des Ereignisses auf. In der ersten schickt Gott einen starken Ostwind, der das Wasser zurückdrängt. Eine spätere Deutung verstärkt das Wunderhafte: Durch Moses ausgestreckten Stab wird das Wunder bewirkt. Der Exodus einer kleinen Nomadengruppe kann in der 2. Hälfte des 13. Jh. stattgefunden haben, etwa im Gebiet südlich des Ballah-Sees südöstlich des Nildeltas.
Das Siegeslied der Israeliten ist mit Ri 5, dem Deboralied und 1.Sam 2, dem Lied der Hanna zu vergleichen.V. 21 ist möglicherweise eines der ältesten Stücke des AT überhaupt, das sogenannte Mirjamlied.
Übersicht Ex 15,22-18,27: Wüstenwanderung
Die wesentlichen Motive dieser Erzählungen der Wüstenwanderung sind die des Murrens des Volkes über bestimmte Nöte. Dabei bewahrt Gott sein Volk durch verschiedene "Wunder" (ätiologische Erzählungen?) und ist in "Wolkensäule und Feuerschein" präsent (14,24; 16,10).
Bevor Gott seine Weisungen offenbart, erscheint er selbst in einer Theophanie. Im AT werden solche Offenbarungen mit vergleichbaren Erscheinungen (Feuer; Vulkan?) verbunden (vgl. Ri 5,4; Ps 68,8f.). Vor der Offenbarung schwört das Volk seinen Gehorsam. Darauf folgt der Dekalog als (spätere) Zusammenfassung des Willens Gottes, dann ein eigenständiges Gesetzeskorpus, das sogenannte Bundesbuch, das im Zentrum des ganzen Exodus-Buches steht. Das Buch wurde wohl als feststehende Größe in den Zusammenhang eingefügt. Es hat aber seinerseits eine komplizierte Wachstumsgeschichte. Wichtig ist seine theologische Rahmung in 20,22-26 und 23,20-33, dazu der wohl älteste Festkalender des AT in 23,10. Zur bekannten Talionsformel "Auge um Auge…" beachte man 21,23-25 Hierbei ist wichtig, daß es sich nicht um ein besonders hartes, ungerechtes Gesetz handelt. Die Talion ist schon im berühmten Codex Hammurabi aus Babylon belegt. Sie dient der Rechtsgleichheit, denn jeder Körperschaden wird auf gleiche Weise bestraft, ohne daß sich reiche Menschen davon freikaufen könnten.
In Ex 25 beginnt der große Komplex des priesterlichen Gesetzes, der bis Num 10 reicht und durch verschiedene erzählerische wie gesetzliche Abschnitte unterbrochen wird. Diese Texte sind das Zentralstück der Priesterschrift. Gott gebietet (Wortgeschehen, vgl. Gen 1) die Ausstattung des Heiligtums und die Vorschriften für die Priester, um so in Israel einen richtigen Gottesdienst zu ermöglichen. Die Texte sind in dieser Anordnung vergleichsweise jung, wohl frühnachexilisch. Der wahre Kult soll aber auf das Grundereignis zwischen Gott und Israel am Sinai zurückgeführt werden. Der Kult gilt (im Gegensatz zum Deuteronomium) nicht mehr als an den einen Ort Jerusalem gebunden. Stattdessen wird eine alte Vorstellung von einem Wanderheiligtum wieder aufgegriffen (Zelt der Begegnung oder Stiftshütte als kleiner, transportabler Tempel). Immerhin werden in der Stiftshütte die Einrichtungen des Jerusalemer Tempels nachgebildet, besonders die Lade mit der Sühneplatte כַּפֹּרֶת (kapporœt) als Deckel. Nur dort kann Gott seinem Volk wirklich erscheinen, um Segen zu bringen und Sühne zu wirken (29,43).
Übersicht: Bundesbruch und -erneuerung
In dem Bericht über den Bundesbruch der Israeliten am Sinai erscheint Aaron, der ja der Prototyp des Priesters ist, als derjenige, der für die Anfertigung des goldenen Kalbes verantwortlich ist. Mose wird dagegen in einer modifizierten Mittlerrolle dargestellt, er erbittet bei Gott Strafminderung für das sündige Volk. In diesen Kapiteln spielt das Thema der Barmherzigkeit Gottes eine wichtige Rolle, vgl. 34,6: "Der Herr – ein barmherziger und gnädiger Gott, langmütig und reich an Huld und Treue" (vgl. 33,19). Die Geschichte vom goldenen Kalb ist sicher auch als Polemik gegen die Stierbilder zu verstehen, die Jerobeam nach der Reichsteilung in Dan und Bet-El hatte aufstellen lassen (1.Kön 12). Ein in Samaria bei Dotan gefundenes Bronzekalb aus dem 12. Jh. zeigt, wie sich der Erzähler das Bild vom Kalb vorgestellt haben mag.
Übersicht Ex 23+34: Festkalender des alten Israel
In Ex 35-40 wird die Ausführung dessen berichtet, was Gott Mose in Kap. 25-31 befohlen hatte.
Autoren: Martin Rösel (AT), Klaus-Michael Bull (NT)
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