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Jesaja

Phasen der Wirksamkeit

Eine bibelkundliche Orientierung ist bei den prophetischen Büchern generell sehr schwierig, da uns die Gliederungsprinzipien, nach denen sie aufgebaut wurden, nicht mehr unmittelbar einleuchten. Man wird sich daher darauf zu beschränken haben, wichtige Einzeltexte zuordnen zu können und eine Grobgliederung im Kopf zu haben. Im ersten Teil des Jesaja-Buches wird dies dadurch erleichtert, dass man vier Phasen der Wirksamkeit des Propheten unterscheiden kann, die alle mit wichtigen Textkomplexen zu verbinden sind. Jesaja, Sohn eines Amoz, stammt aus Jerusalem und hatte, wie einzelne Texte zeigen, Zugang zum Königshof. Er ist als Vertreter einer städtischen Oberschicht anzusehen, verheiratet war er mit einer Prophetin (8,3). Er selbst nennt sich nie Prophet, נָבִיא (nābî’). Seine Wirksamkeit reicht von etwa 740 (vgl. Jes 6,1, aber: Das Todesjahr des Königs Usija ist umstritten) bis zum Jahre 701. Die vier Hauptphasen der Wirksamkeit Jesajas sind im Einzelnen:

Übersicht über die Hauptphasen der Wirksamkeit Jesajas

Diesen Perioden lassen sich einzelne Texte zweifelsfrei zuordnen, andere Texte bleiben strittig. Auch im Protojesajabuch finden sich eindeutig spätere Texte, vor allem die sogenannte Apokalypse in den Kapiteln 24-27. Andererseits stehen aber auch im tritojesajanischen Teil Texte, die möglicherweise auf den vorexilischen Jesaja oder Zeitgenossen zurückgehen (57,7-13). Das Wachstum des Buches ist also sehr kompliziert.

Wichtige Einzeltexte

Die wesentlichen Texte des ersten Jesaja finden sich vor allem in den Kapiteln 1-11. Hier ist ein mehrfaches eigenes Lesen die beste Möglichkeit, sich den Inhalt zu erarbeiten.
Kap. 1 setzt mit einer (späteren) Zusammenfassung der Botschaft Jesajas ein (V. 2-9). V. 10-17 persifliert eine Priestertora (einen priesterlichen Bescheid), in dem hier die Verfehlungen des Volkes auf sozialem und kultischem Gebiet angeprangert werden. V. 21-31 sind die erste große Gerichtsandrohung gegen Jerusalem.

Völkerwallfahrt zum Zion

Jes 2 hebt an mit der Vision einer Völkerwallfahrt zum Zion (V. 1-5), die sich wörtlich auch in Micha 4 findet. Stichwort: "Schwerter zu Pflugscharen" (vgl. aber Joël 4,10). V. 6-22 thematisieren den kommenden Tag JHWHs, eine Katastrophe auch kosmischen Ausmaßes. Kap. 3 ist wiederum Gerichtsansage für Juda, Kap. 4,2-6 eine Heilsansage für den übriggebliebenen Rest.

Weinberglied

Jes 5,1-7 ist das bekannte Weinberglied, die Gerichtsansage hat hier die Form eines Gleichnisses angenommen. Wichtig ist das hebräische Wortspiel in V. 7, auf das das Gleichnis zuläuft:

וַיְקַו לְמִשְׁפָּט וְהִנֵּה מִשְׂפָּח לִצְרָקָה וְהִנֵּה צְעָקָה׃.

Im Deutschen kann es etwa so lauten (K. Koch, Profeten I, 207): Er hoffte auf Gut-Regiment (ִשְׁפָּט, mišpāṭ)/ doch siehe da Blutregiment. Auf Gemeinschaftstreu (צְדָקָה, ṣedāqâ)/ doch siehe da Hilfeschrei. (Vgl. zum Motiv Israel als Weinberg auch Jes 27,2 und Mt 20,1!) 5,8-24 sind eine Sammlung von Weherufen (vgl. noch 10,2-4), mit denen Jesaja erneut Missstände anklagt. 5,25-30 sagt das kommende Gericht an: Ein Volk aus der Ferne (Assyrien) wird kommen, um Juda zu bestrafen.

"Denkschrift Jesajas"

Jes 6,1-9,6 gelten in der Literatur oft als "Denkschrift Jesajas". Kap. 6 ist die Thronratsvision Jesajas, die als Berufungs- oder Verstockungsszene ausgelegt wird. Interessanterweise steht sie nicht am Bucheingang, daher ist ein Verständnis als Berufungsbericht schwierig. Das sog. Trishagion ("Heilig, heilig, heilig") ist über Apk 4,8 in die christliche Liturgie eingegangen; die christliche Gemeinde ahmt damit den himmlischen Gottesdienst nach.

Jes 7 stammt aus der Zeit des syrisch-efraimitischen Krieges (734-732), in dem Jesaja den König Ahas auffordert, sich nicht auf eine Koalition mit den Assyrern gegen die vereinten Heere von Syrien und Israel einzulassen (vgl. 2.Kön 16). In diesem Zusammenhang fällt der berühmte Satz "Glaubt Ihr nicht, so bleibt Ihr nicht" (7,9), ein Wortspiel mit dem hebräischen Verbum אמן (’āman), das im Hif'il "vertrauensvoll sein", im Nif'al aber "Bestand haben" heißt. 7,10-25 wird das Immanuel-Zeichen angekündigt, das im NT (Mt 1,23) als Ansage der Jungfrauengeburt Jesu gewertet wird. Jesaja will offenkundig dem Ahas androhen, dass sein Nachfolger schon bereit steht, dass ihm also die Absetzung droht. Die Deutung dieser Stelle ist aber sehr umstritten.

Kap. 8 ist von Bedeutung, weil hier vom Aufschreiben der Botschaft Jesajas und von seinen Schülern die Rede ist (V. 1+16, vgl. 30,8).

Jes 9,1-6 kündigt die Geburt und Inthronisation des kommenden Heilskönigs an ("Das Volk, das im Dunkel wandelt…"), dazu auch 11,1-9, der Heilskönig und sein Friedensreich. Diese Stücke sind in ihrer Echtheit (= Herkunft von Jesaja selbst) stark umstritten.

Kap. 9+10 sammeln Gerichtsworte gegen Israel wie gegen Assur, 10,20-27 drücken die Erwartung aus, dass (nur) ein Rest gerettet werden wird (vgl. den Namen des Jesaja-Sohnes Schear-Jaschub "ein Rest kehrt um" in 7,3).

Kap. 12, ein Psalm, schließt den ersten Teil des Buches ab, wichtig ist hier der Bezug auf Zion als Bürge für das Heil.

Fremdvölkersprüche

Kap. 13-23 sind Fremdvölkersprüche, d.h. sie zielen auf andere Nationen, beispielsweise gegen Babel (Kap. 13-14+21), Moab (15+16) Syrien (17) oder Ägypten (18-20). Doch sind diese Sprüche implizit immer an Juda gerichtet: Das Unheil dieser Völker bedeutet gleichzeitig Heil oder Entlastung des eigenen Volks. Zudem steht dahinter die politische Mahnung, sich nicht mit solchen Gruppen einzulassen, die dem Untergang geweiht sind. Auch diese Texte sind teilweise stark überarbeitet oder sekundär ergänzt worden. Wichtige Einzeltexte sind Kap. 14, das Spottlied über den Fall des Königs von Babel, das auch wegen seiner Darstellung des Totenreiches wichtig ist, und Kap. 20, wonach Jesaja als Zeichen gegen Ägypten/ Äthiopien drei Jahre nackt durch Jerusalem geht.

Jesaja-Apokalypse

Die Jesaja-Apokalypse 24-27 ist ein später Text, der aber kaum sicher datierbar ist. Hier wird im Unterschied zu den bisherigen Texten die Erwartung einer bedrängenden Endzeit ausgesprochen, die Kapitel sind deutlich eschatologisch. Wichtigster Einzeltext ist 26,19: "Deine Toten werden leben", eine frühe Formulierung der Auferstehungshoffnung, vgl. auch 25,8 "Vernichten wird er den Tod auf ewig und abwischen wird der Herr alle Tränen…".

Assyrischer Zyklus

Der assyrische Zyklus Kap. 28-31 stammt aus der Zeit um 701, als der Assyrerkönig Sanherib vor den Toren Jerusalems stand, die Stadt aber nicht einnehmen konnte. Hier findet sich die für die Zionstheologie wichtige Heilsperspektive, dass Jerusalem um des Zion willen gerettet wird. Der Text 28,23f. ist eines der seltenen Gleichnisse des AT: Gott kann seine Werkzeuge wie ein Bauer wechseln, er kann also Heil und Unheil bringen, wie es gerade nötig ist.

Eschatologie

Kap. 32 formuliert die Erwartung eines nach diesen Ereignissen kommenden Friedensreiches, Kap. 33-35 sind dagegen wieder deutlich eschatologisch geprägt, sie verweisen inhaltlich schon auf die späteren Buchteile.

Jesaja-Erzählungen

Mit der Heilsansage in Kap. 35 schloss ursprünglich wohl das Jesajabuch, später wurden dann noch die Kapitel 36-39 angefügt, die als Bericht die Ereignisse um Sanheribs Belagerung Jerusalems nacherzählen. In der jetzigen, nachjesajanischen Anordnung bestätigen diese Kapitel die Botschaft des Propheten, der die Bedrängung und Eroberung Jerusalems angesagt hatte (vgl. das Wort des Königs Hiskija in 39,8: "Das Wort des Herrn, das du geredet hast, ist gut").

Hauptthemen

Innerhalb dessen, was von der Verkündigung des ersten Jesaja erhalten ist, lassen sich drei wichtige Themenkomplexe ausmachen, die man mit einigen ausgewählten Texten verbinden kann:

Restgedanke

Der Restgedanke, die Vorstellung, dass ein kleiner Teil des Volkes das Gericht überleben wird oder von JHWH übriggelassen wird. Dabei ist strittig, ob diese Vorstellung als negative Ansage (nur ein Rest wird übrigbleiben) oder letztlich als Heilsansage zu verstehen ist: Aus dem Rest entwickelt sich wieder ein vollgültiges Ganzes.

Zionstheologie

Jesaja gilt als einer der wichtigsten Vertreter der alttestamentlichen Zionstheologie. Jerusalem/ der Zion ist Ort der Gegenwart Gottes ("Präsenztheologie"), nicht etwa der Wohnsitz Gottes. Aus dieser besonderen Nähe rührt einerseits eine besondere Verpflichtung der Bewohner, sich dieser Präsenz Gottes würdig zu zeigen, andererseits auch eine besondere Zuwendung JHWHs, der die Vernichtung Zions nicht zulassen wird. (Vgl. die Zionspsalmen 46, 48, 76, 84, 87 und das Thema-Kapitel "Der Tempel in Jerusalem".

Glauben

Ein in der Wirkungsgeschichte wichtiges Motiv ist die Vorstellung Jesajas, dass das Volk JHWH zu glauben habe (vgl. besonders 7,9 und 28,16, das Wort vom Eckstein: "Wer an ihn glaubt, wird nicht zuschanden werden"). Dabei ist im Unterschied zum heutigen Verständnis wichtig, dass es nicht um den Glauben an etwas geht (vgl. besonders Röm 10,8), sondern eher um ein unbedingtes Vertrauen auf die Heilsmacht Gottes, dies zum Beispiel im Gegenüber zum König Ahas, der sich lieber auf politische Bündnisse verlassen will.

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