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Daniel

Danielgestalt

Die Gestalt des Judäers Daniel ("Gott richtet"), der im Jahre 597 mit drei Freunden durch Nebukadnezzars Truppen nach Babylonien deportiert wurde, ist das durchgängige Element der im Danielbuch erhaltenen Stoffe. Wie Hiob und Noach wird Daniel in Ez 14,14-20 als Gerechter der Vorzeit erwähnt, nach Ez 28,3 eignete ihm zudem besondere Weisheit. Vor allem dieser letzte Aspekt ist im Danielbuch präsent: Daniel ist der, der Träume zu entschlüsseln vermag und dem die Geschichte der Endzeit enthüllt wird. Dabei wird Daniel teilweise der Gestalt des weisen Josef am Hofe des ägyptischen Pharaos nachgebildet.

Position

Im hebräischen Kanon steht das Buch unter den "Schriften", im Septuagintakanon und danach auch in den deutschen Bibeln gilt es als das vierte der großen prophetischen Bücher. Tatsächlich ist das Danielbuch wegen seiner Entstehungszeit (es ist das jüngste Buch der Hebräischen Bibel) erst spät kanonisiert worden. Über die Gründe, warum das Buch keine prophetische Würde erhielt, kann man nur spekulieren: Hatten die Rabbinen Vorbehalte, weil die apokalyptischen Spekulationen für die Aufstände gegen die Römer mitverantwortlich gemacht wurden? Oder galt allgemein der Geist der Prophetie als erloschen (1.Makk 9,27)? Antike Zeugnisse, unter anderem das NT, belegen, dass man das Danielbuch durchaus als Prophetie einschätzte, vgl. Mk 13,14 und Dan 9,27.

Gliederung

Das Danielbuch zerfällt in zwei deutlich zu unterscheidende Teile, Legenden und Visionen. Zudem ist das Buch zweisprachig, Kap. 1,1-2,4a und Kap. 8-12 sind hebräisch, der Rest aramäisch geschrieben. Es ist zu vermuten, dass Kap. 1 ursprünglich ebenfalls aramäisch war und später in das Hebräische übersetzt wurde.

Apokalypse

Der Gattung nach ist das Danielbuch eine Apokalypse und steht damit den Texten Jes 24-27, Deutero- und Tritosacharja nahe. Die Stoffe und Gliedgattungen werden in einer Apokalypse auf das eine Ziel angeordnet, geheimes Wissen über die Endzeit zu enthüllen (vgl. gr. ἀποκαλύπτω, apokalyptō, offenbaren/ aufdecken). Es geht also nicht mehr nur um ein einzelnes in der Zukunft liegendes Ereignis, sondern um eine Gesamtsicht der kommenden Ereignisse bis zum Beginn des neuen Aion. Damit sollen vor allem die Zustände der Gegenwart begreiflich werden. Zu dem Zweck kommen sowohl prophetische wie auch weisheitliche Traditionen zusammen. Ein Deuteengel, lat. angelus interpres, vermittelt hier das entscheidende Wissen (vgl. das Thema-Kapitel "Apokalyptik").

Wachstum des Buches

Das Wachstum des Danielbuches hat man sich so vorzustellen, dass ältere Legenden von dem prototypisch weisen und frommen Daniel (erzählt in der 3. Person) um die Visionen Daniels (Ich-Bericht, 1. Person) erweitert wurden. Dabei bleibt die Fiktion erhalten, dass der exilische Daniel auch Seher der Ereignisse war, die sich in der Gegenwart der Hörer/ Leser abspielen. Diese Gegenwart lässt sich anhand der Angaben des Buches sehr genau datieren, es handelt sich um die Zeit des makkabäischen Aufstands gegen die Seleukiden, im 2. Jahrhundert. Da das Danielbuch die Wiederweihung des Tempels im Jahre 164 v.Chr nicht erwähnt, ist es offenkundig kurz vor diesem Datum abgeschlossen worden. Später wurde es um die Gebete der Männer im Feuerofen (zu Kap. 3) und die Geschichten von Susanna und Bel et Draco (Kap. 13+14) erweitert. Diese Stücke gehören zum Kanon der Septuaginta und der katholischen Kirche, vgl. unten zu den Apokryphen.

Wichtige Einzeltexte

Die Erzählungen und Visionen des Danielbuches sind zu allen Zeiten von großer Bedeutung für die kirchlichen Endzeitvorstellungen gewesen, daher sollte man sie gut kennen. Besonders wichtig sind der Traum Nebukadnezzars in Kap. 2 und die Vision Daniels in Kap. 7. In beiden geht es darum, dass die irdischen Weltreiche zu ihrem Ende kommen (in Kap. 2 sind die einzelnen Reiche immer schlechter als das vorhergehende, vom "goldenen Zeitalter" bis zu dem mit den "tönernen Füßen"). Am Ende der Weltzeit (עוֹלָם, ‘ôlām, aram. עָלְמָא, ‘ālmā’) beginnt das Reich Gottes, nach Dan 7 übt dann der Menschensohn (aram. בַּר אֱנָשׁ, bar ’ānāsch) die Herrschaft aus. Diese Vorstellung einer engelhaften Herrschergestalt wurde dann, weiterentwickelt in der zwischentestamentlichen Zeit, in besonderer Weise als Bezeichnung für Jesus als den Messias verwendet.

Kap. 4 berichtet vom Wahnsinn Nebukadnezzars; hier sind historisch verbürgte Details aus dem Leben des späteren Königs Nabonid auf Nebukadnezzar als den Herrscher Babyloniens übertragen worden, der Jerusalem zerstört hatte. Hierzu gibt es auch außerbiblische Parallelen (Gebet des Nabonid aus Qumran, Inschrift aus Harran).

Dan 5 berichtet vom Gastmahl Belschazzars, dem die geheimnisvolle Schrift mene, mene, tekel, u-parsin ("Menetekel", V. 25) das Ende seiner Herrschaft anzeigt.

Kap. 3+6 erzählen vom Gottvertrauen der drei Männer im Feuerofen und Daniels in der Löwengrube.

Kap. 8 schildert die Vision von dem Ziegenbock mit dem großen Horn, die auf Alexander den Großen (und seine Nachfolger) zu deuten ist, welcher den Widder mit den zwei Hörnern, die Meder und Perser, besiegt und die Herrschaft antritt.

Kap. 9 zeigt, wie man schon innerhalb des Alten Testaments in schriftgelehrter Weise um ein angemessenes Verständnis der Schrift ringt. Hier geht es um die 70 Jahre, die Jeremia geweissagt hatte. Sie sind, so V. 24, als 70 Jahrsiebente zu deuten, also auf 7x70 Jahre. Es ist aber nicht klar, auf welches historische Datum diese Zahl zielt.

Kap. 10-12 schließlich sind eine groß angelegte Geschichtsschau von der Perserzeit bis zur Gegenwart des Verfassers. Die als zukünftig geschilderten Ereignisse (vaticinia ex eventu) lassen sich historisch gut zuordnen, ab 11,40, mit dem Hinweis "in der Endzeit aber", ist der Bereich der wirklichen Weissagung erreicht – ab dann stimmt das Geschilderte nicht mehr mit der Geschichte überein. Wichtig ist Kap. 12 wegen der sich hier aussprechenden Hoffnung auf Auferstehung derer, die unschuldig gestorben sind.

Geschichtsbild

Dem Danielbuch geht es um die Frage nach der gerechten Herrschaft. Der entsprechende Begriff מַלְכוּת, malkût, steht im Zentrum. Der Herrschaft der Menschen wird die unabänderlich kommende Herrschaft Gottes gegenübergestellt, erst sie wird wahrhaft das Heil bringen. Für die Apokalyptik wird also innerhalb der Geschichte kein Heil mehr erwartet, es bedarf der grundsätzlichen Zeitenwende. Vor diesem Hintergrund ist verständlich, dass die makkabäische Aufstandsbewegung, die ja in Wirklichkeit die Befreiung von den Seleukiden brachte, in 11,34 nur als "kleine Hilfe" bezeichnet wird.

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