Übersicht über das Proverbienbuch
Die Sprüche Salomos (lat. proverbium = Sprichwort) wurden in der Septuaginta und den Folgeübersetzungen mit den beiden anderen Salomo zugeschriebenen Büchern Kohelet und Canticum Canticorum zusammengestellt und nach den Psalmen eingeordnet. Im hebräischen Kanon stehen die Sprüche (מִשְׁלֵי, mišlê) separat nach Ijob (oder zwischen Pss und Hi). Das Buch wurde Salomo zugeschrieben, weil ihm nach 1.Kön 3,12 ein besonders "weises und verständiges Herz" eignete, nach 1.Kön 5,12 soll er 3000 Sprüche und 1005 Lieder gedichtet haben.
Das Proverbienbuch ist das wichtigste Zeugnis für die israelitische Weisheit (vgl. das entsprechende Thema-Kapitel). In ihm sind Stoffe aus sehr unterschiedlichen Zeiten und verschiedenen weisheitlichen Gattungen gesammelt. Im Unterschied zu Ijob oder dem Prediger geht es im Sprüchebuch nicht um die Krise der Weisheit, sondern hier werden weisheitliche Lebensregeln in dem Bewußtsein nebeneinander gestellt, daß nur durch ihre Befolgung rechtes Leben möglich ist. Nach 30,7-9 wird das Beachten der Regeln in direkte Verbindung mit Gottesverehrung gebracht, "ich könnte sonst in Sattheit dich verleugnen und sprechen: wer ist der Herr?" Die pädagogische Aktualität, die einige dieser Sprüche haben, zeigt sich darin, daß sie noch heute tradiert werden, zum Beispiel "wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein", 26,27; "Hochmut kommt vor dem Fall", 16,18; "wie du mir, so ich dir", 24,29.
Das Proverbienbuch ist bibelkundlich kaum zu erfassen, daher sollte man sich darum bemühen, die Kapitel gründlich zu lesen, um einen Eindruck von der Argumentationsweise dieser Literatur zu erhalten. Wichtig ist dazu das Wissen um die Abgrenzung der wesentlichen Sammlungen des Proverbienbuches.
Das Alter der einzelnen Sammlungen und Einzelsprüche ist kaum zu bestimmen, deutlich ist nur, daß die Kapitel 1-9 nachexilisch sind. In ihnen tritt die Weisheit personifiziert als "Ruferin auf der Gasse" (1,20, vgl. 9,1-6) auf, in 9,13-18 wird ihr Frau Torheit kontrastierend gegenübergestellt. In 8,22-31 wird die Autorität der Weisheit damit begründet, daß sie als erstes der Werke Gottes, noch vor aller anderen Schöpfung entstanden sei. Damit soll programmatisch deutlich werden, daß die in der Sammlung zusammengestellten Weisungen Bestandteil der Schöpfung, der Ordnung der Welt sind. Inhaltlich geht es in den Gedichten um Mahnungen vor Ehebruch, Trunksucht, Frevel und Faulheit.
In den folgenden Sammlungen sind meist ein- oder mehrzeilige Einzelsprüche aneinandergereiht, oft nach heute unklaren Gründen zusammengeordnet. Grundüberzeugung ist hier das Funktionieren des Tun-Ergehen-Zusammenhanges, vgl. 10,27: "Die Furcht des Herrn verlängert das Leben, aber die Jahre des Gottlosen werden verkürzt". An verschiedenartigsten Beispielen soll deutlich werden, a) daß der Fromme/ Weise Glück haben wird und b) welche die Regeln für ein solches Leben sind.
An einigen Stellen finden sich thematisch geprägte Sammlungen, so für Könige, 16,10-15; 25,1-7; 31,1-9, über die Faulen, 24,30-34 oder über das Weintrinken 23,29-35. Es ist anzunehmen, daß solche Sammlungen in der Erziehung am Königshof oder an anderen Schulen gebildet wurden, ebenso denkbar ist, daß die Stoffe teilweise ein sehr hohes Alter haben. In Kap. 22-24 gibt es zudem so enge Berührungen mit der ägyptischen Weisheitslehre des Amenemope, daß man davon auszugehen hat, daß ein entsprechender Text Vorlage des heutigen biblischen Stoffes war.
Allerdings wurden die fremden Stoffe durch Einfügung von JHWH-Sprüchen israelitisiert, vgl. etwa 22,22 mit V. 23; 24,17 mit V. 18. Ähnliches geschah an anderer Stelle mit offensichtlich älteren Sprüchen, die durch JHWH-Sprüche neu interpretiert werden sollten. Ein Beispiel dafür ist 15,17: "Besser ein Gericht Gemüse mit Liebe als ein gemästeter Ochse mit Haß", dem in V. 16 der inhaltlich parallele Satz "Besser wenig mit Gottesfurcht als große Schätze mit Unruhe" vorangestellt wurde (vgl. auch 14,1+2, wo "Weisheit" unter die "Gottesfurcht" gestellt wird). In 18,10 wird sogar dem älteren Vers 11 widersprochen. Ursprünglich profane Sprüche wurden demnach in den Dienst der Religion genommen.!
Autoren: Martin Rösel (AT), Klaus-Michael Bull (NT)
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