Übersicht über die Sammlungen innerhalb des Psalters
Der Name "Buch der Psalmen"(gr. βίβλος ψαλμῶν, biblos psalmon) ist bereits im Neuen Testament (Apg 1,20) belegt, er stammt wohl aus der griechischen Textüberlieferung. Abgeleitet ist dieser Name von einem griechischen Saiteninstrument (ψαλτήριον, psaltērion), die Psalmen galten demnach als Lieder.
In der hebräischen Tradition wird das Buch סֵפֶר תְּהִלִּים, sefær tehillîm genannt, abgeleitet von תְּהִלָּה, tehillâ, Preislied. Innerhalb des Psalters (als Bezeichnung für das Buch) zählt man 150 Psalmen, doch auch in anderen biblischen Büchern sind entsprechende Lieder zu finden, vgl. Ex 15; Dtn 32+33; 1.Sam 2 u.ö.
Die Zählung der Psalmen variiert in den einzelnen Traditionen, wobei die deutschen Bibelausgaben zumeist der Zählung der Biblia Hebraica folgen. Die Septuaginta (LXX) hat dagegen Psalm 9+10 und 114+115 zusammengefaßt, kommt aber durch Auftrennung der Psalmen 116 und 147 wieder auf eine Gesamtzahl von 150. Danach fügt sie aber einen zusätzlichen Psalm 151 "außerhalb der Zählung" und eine Sammlung von 14 Oden hinzu, zusätzlich bietet sie noch die ebenfalls apokryphen Psalmen Salomos. Auch in der großen Psalmenrolle aus Qumran sind Psalmen erhalten, die nicht zu den kanonischen Liedern gehören, teilweise aber schon aus anderen Quellen bekannt waren. Diese komplizierte Überlieferung ist Hinweis darauf, daß die endgültige Kanonisierung des Psalmenbuches erst vergleichsweise spät (2. Jh. v.Chr.) erfolgt ist. Erschwerend kommt hinzu, daß auch die erhaltene Abtrennung der einzelnen Psalmen nicht immer sinnvoll ist: So sind in Psalm 19 sicher zwei ganz verschiedene Lieder zu einem Stück zusammengestellt worden. Andererseits finden sich Doppelüberlieferungen, so ist beispielsweise Psalm 70 auch in Ps 40,14-18 erhalten, Ps 108 aufgeteilt in 57,8-12 und 60,7-14.
Die Frage, weshalb die einzelnen Psalmen zu dieser Sammlung zusammengestellt wurden, ist in der Forschung umstritten. Wahrscheinlich galten die Psalmen zur Zeit der Kanonisierung nicht als liturgisches Formular für die Liturgie des Zweiten Tempels. Sie dienten eher als Andachts- oder Erbauungsbuch, in bestimmten Kreisen sicher auch als prophetisch verstehbare Schriften. Dies wird auch durch den neutestamentlichen Befund unterstützt; hier werden die Psalmen am häufigsten von allen alttestamentlichen Schriften zitiert. Das ist bei einer Verwendung als Tempel-Gesangbuch schwer denkbar.
Das Wachstum des Buches ist in Etappen erfolgt, die zum Teil noch erkennbar sind. So reichten frühere, kleinere Sammlungen wohl von Psalm 2-72 oder 89, später wurden die Tora-Psalmen 1 und 119 zur Rahmung hinzugefügt, noch später kamen die Lieder 120-150 hinzu, die ihrerseits wieder aus einzelnen Sammlungen bestehen. Dabei kamen in der Endfassung alte, vorexilische Lieder neben vergleichsweise jungen Stücken zu stehen. Übergreifendes Ordnungsmerkmal ist die später erfolgte Einteilung in fünf Bücher [1-41; 42-72; 73-89; 90-106; 107-150], analog der Einteilung der Tora.
Das Alter der einzelnen Psalmen ist kaum sicher zu bestimmen. Einige sind wohl vorexilisch (zumindest in Grundbestandteilen), so Ps 24+29 (auch Ps 2+110?), andere sind gewiß exilisch, Ps 50; 74+137. Die meisten anderen Lieder sind wohl in ihrer jetzigen Form nachexilisch, wobei eine weitergehende Angabe, etwa über ältere Vorstufen, kaum möglich ist.
Der Psalter ist bibelkundlich besonders schwer zu erfassen, andererseits sind hier für die eigene Frömmigkeit wichtige Texte gesammelt. Die Psalmen sprechen Lob, Hoffnung und Klage nicht nur für die damalige historische Situation aus, sondern sind offen für jede Gegenwart. Deshalb sollte man sich dem Buch vor allem durch eigene, wiederholte Lektüre nähern, möglichst entlang jeweils unterschiedlicher Ordnungskriterien. Hier wird keine Inhaltsangabe der einzelnen Psalmen geboten, sondern als Ergänzung zu dem Thema-Kapitel "Psalmengattungen" sollen die einzelnen alten Sammlungen des Psalters und wenige wichtige Einzeltexte vorgestellt werden.
Übersicht über die Sammlungen innerhalb des Psalters
Innerhalb des Psalters sind verschiedene Untersammlungen erkennbar, die oft Lieder unterschiedlicher Gattungen vereinen. Diese Sammlungen sind vor allem an den Titeln zu erkennen, womit aber ein weiteres Problem der Forschung anzusprechen ist: Die genaue Bedeutung der Psalmenüberschriften ist oft noch völlig ungeklärt. Es muß zudem davon ausgegangen werden, daß die Titel zumeist später hinzugewachsen sind. Die historischen Bezugnahmen der Überschriften (Ps 3,1: "Von David, als er vor seinem Sohn Absalom floh") sind im Regelfall nicht als zutreffende Angabe über die Entstehungsverhältnisse des jeweiligen Psalms zu werten.
Die einzelnen Sammlungen sind in der heutigen Endform aus ihrem früheren Zusammenhang genommen und vermischt worden. Wahrscheinlich stellen sie in ihren Grundzügen ursprünglich ältere Sammlungen dar, deren Herkunft aber trotz der Titelangaben unklar bleibt.
Nach 1.Chron 6,24-28 war beispielsweise Asaf Stammherr einer Gilde von Tempelsängern, ebenso waren die Korachiten am Tempel beschäftigt (2.Chron 20,19), als Sänger wie Torhüter (1.Chron 26,1.19). [Die Erzählungen um die "Rotte Korach" in Num 16+17 spiegeln offensichtlich Auseinandersetzungen um Status und Ansprüche dieser Gruppe.] Es ist anzunehmen, daß die Psalmen mit diesen Sängergilden in Zusammenhang stehen. Die Autorenschaft Davids ist sicherlich nicht historisch, hier wirkt die etwa in 1.Sam 16,14-23 belegte Tradition von David als Musiker nach. Die Psalmen 42 bis 83 wurden teilweise zu einem unbekannten Zeitpunkt in der Weise überarbeitet, daß der Gottesname JHWH durch die allgemeinere Bezeichnung אֱלֹהִים, Elohim ersetzt wurde. Daher spricht man hier vom "elohistischen Psalter" analog zu der vermuteten Pentateuch-Quelle "Elohist", deren Kennzeichen ebenfalls die Verwendung von אֱלֹהִים als Gottesbezeichnung ist.
In der heutigen Fassung wird der Psalter eröffnet durch den weisheitlichen Psalm 1, der das Leben des Einzelnen unter den Aspekt der Tora-Befolgung stellt. Das Psalmenbuch läuft dann auf das besondere Loben Gottes hinaus, der Halleluja-Psalm 150 ist nicht zufällig Abschluß der Sammlung.
Zur Orientierung im Psalter ist es notwendig, einige für bestimmte Gattungen oder Inhalte typische Psalmen zu kennen, so Klagelieder des Einzelnen (22+69), Klagelieder des Volkes (44, 60, 90), Lobpsalmen (30, 114, 136), Vertrauenslieder (23), Hymnen (8, 100, 113), Königspsalmen (2, 20, 110), Alphabetische Psalmen (9/10, 119, 145), Zionslieder (46, 48, 76, 84+87), Weisheitliche Psalmen (73, 133), Schöpfungspsalmen (8, 19A, 104). Für weitere Angaben vgl. auch das Thema-Kapitel.
Autoren: Martin Rösel (AT), Klaus-Michael Bull (NT)
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