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Esra und Nehemia

Probleme des Buches

Die Bücher Esra und Nehemia gehörten ursprünglich zusammen, wurden später aber geteilt. Zudem sind sie nur dann richtig zu verstehen, wenn man die heutige Abfolge der Kapitel verändert. In der Septuaginta werden die beiden Bücher gemeinsam als (2.) Esra bezeichnet, in hebräischen Bibeln erfolgte erst seit 1448 eine Trennung der Bücher.

Esrabücher

Die LXX hat zusätzlich noch ein 3. Esrabuch (allerdings bezeichnet als Esra a, also als erster Esra), das möglicherweise auf eine ältere Fassung der Bücher Esra und Nehemia zurückgreift. Dazu findet sich in der Vulgata ein 4. Esrabuch, das aus drei Schriften besteht: Dem eigentlichen 4. Esra, einer Apokalypse (= Kap. 3-14), dem 5. Esra, einem christlichen Trostbuch für die Mutter Kirche (= Kap. 1+2) und dem 6. Esra, einer christlichen Apokalypse (= Kap. 15+16).

Geschichtlicher Hintergrund

Das Esra/ Nehemia-Buch ist die einzige biblische Quelle für die frühe nachexilische Zeit und daher von hoher historischer Bedeutung, zumal auch alte Textstücke verarbeitet wurden. Doch ist nicht zu verkennen, dass die Darstellung oft typisiert, so ist beispielsweise der Konflikt mit den Samaritanern (vgl. den in Esr 4 geschilderten Streit) überzeichnet worden. Die Darstellung der inneren Konflikte der Gemeinde in Jerusalem, so die Stellung der Rückwanderer, die Frage der Mischehen und die ökonomischen Probleme, ist im Grundsatz sicher historisch zutreffend. Auch im Esrabuch finden sich aramäische Textstücke (Esr 4,8-6,18 + 7,12-26), die wohl älter sind als die hebräischen Texte, selbst wenn dieser Komplex bereits überarbeitet wurde. Die Entstehung des Buches ist nicht sicher datierbar, man nimmt das 4. vorchristliche Jahrhundert an. Im Esra/ Nehemia-Buch wurden verschiedene Listen (Esr 2) und Urkunden (Esr 6,3-5; 7,12-26) verarbeitet, dazu Stoffe, die mit Serubbabel und Scheschbazzar verbunden waren, Esra-Stoffe und die sog. Nehemia-Denkschrift (Neh 1-7.12-13*), die in Form einer Rechtfertigung an Gott gerichtet ist. Wichtige Einzeltexte sind auch die bekenntnishaften Bußgebete in Esr 9 und Neh 9.

Gliederung

Die Darstellung der beiden Bücher ist im Zuge der Textüberlieferung in Unordnung geraten; der hier wiedergegebene Vorschlag zur Neuordnung hat sich weitgehend durchgesetzt.

Datierung Esras

Voraussetzung für diese Anordnung ist die Annahme, dass Esra unter dem Perserkönig Artaxerxes I. (464-425/4) tätig war, seine Mission also vor der des Nehemia÷ stattgefunden hat (vgl. das Thema-Kapitel "Nachexilische Geschichte"). Danach entsteht das Bild, dass zunächst das Kyrusedikt von Darius in Kraft gesetzt und der Tempel erbaut wurde (Esr 1-6). Darauf wird Esra mit dem Gesetz nach Jerusalem gesandt, dies wird geschildert wie ein zweiter Exodus (Esr 7f). Das Volk wird auf dieses Gesetz verpflichtet. Esra wird daher im Judentum mit Mose verglichen (vgl. Esr 7,1–5: Esra gilt als Nachkomme Aarons); durch die Einführung der Tora habe er die Religion des Judentums begründet.

Nehemia

Nach der Sicherstellung von Kultus und Tora kommt dann Nehemia nach Israel, um die äußere Sicherheit Jerusalems durch den Mauerbau zu erreichen und um kultische und soziale Missstände zu beheben.

Perser

Die Geschichtsdarstellung wird demnach auf die zwei Personen Esra (aram: "Hilfe") und Nehemia (hb. "JHWH hat getröstet") konzentriert. Im Hintergrund steht aber immer auch die wohlwollende persische Großmacht, die der Jerusalemer Gemeinde Schutz bietet. Das Kyrus-Edikt wird zweimal angeführt (Esr 1,1-3 + 6,3-5), der Erlass des Artaxerxes, mit dem Esra legitimiert wird, erscheint als Originaldokument (Esr 7,12ff.), allerdings ist strittig, ob das Edikt des Kyros tatsächlich so erlassen worden ist. Charakteristisch ist zudem die in diesen Büchern häufige Gottesbezeichnung "Gott des Himmels" für JHWH. Diese Benennung konnten auch die Perser für ihre oberste Gottheit Ahura Mazda verwenden. Selbst wenn man gewiss immer wusste, dass iranische und israelitische Religion nicht deckungsgleich waren, hat man doch die Nähen betont, um die Situation der israelitischen Gemeinde zu verbessern.

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