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Online-Bibelkommentar

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Verfügbare Beiträge:

Die Heilung des blinden Bartimäus

Annike Reiß

Kurzbeschreibung:
Ein Unterrichtsentwurf zur Erzählung vom blinden Bartimäus (Mk 10,46-52) für die 6. Klasse Gymnasium. Mit Hilfe der von Hartmut Rupp beschriebenen Methode der Textraumerkundung wird der biblische Text ganzheitlich erschlossen.
Zusätzliche Autoreninformation: Annike Reiß
Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Universität Kassel
Kategorie:
Unterrichtsentwurf
Schulform:
Gymnasium
Bibelstellenbezug:
Mk 10,46-52
Zusätzliche Skripturen:
Jes 42,18 Mt 9,27-31 Mt 20,29-34 Mk 8,22-26 Mk 5,34 Lk 7,50 Lk 17,19 Lk 18,35-43 Joh 20,16
Weitere Schlagworte:
Bartimäus; Behinderung; Blindheit; David; Davidssohn; Erbarmen; Erkenntnis; Glaube; Heilung; Jesus; Jesus Christus; Jesus heilt; Jericho; Lobpreis; Markus; Nachfolge; Rabbuni; Reich Gottes; Schweigegebot; Sehen; Vertrauen; Wunder; Zeichen

1. Einbettung in die Unterrichtseinheit

Die Unterrichtseinheit wurde für eine schulpraktische Übung im Rahmen eines religionsdidaktischen Blockseminars erarbeitet. Der Religionslehrerin war es möglich, einen ganzen Schulvormittag für die Übung freizulegen, so dass sich die Studierenden vor die Aufgabe gestellt sahen, 5 Stunden Unterricht zu planen. Die SchülerInnen der 6. Klasse hatten sich bis zum Tag der Durchführung mit dem historischen Jesu beschäftigt. In der hier vorgestellten Unterrichtseinheit stand die Heilung des blinden Bartimäus im Mittelpunkt. In Form von Textarbeit und dem Erstellen von Standbildern beschäftigten sich die SchülerInnen intensiv mit der Erzählung. Ein Kennlernspiel eröffnete den Vormittag und eine Reflexion der Unterrichtseinheit bildete den Abschluss. Da es sich für die Kinder um ihre letzte Religionsstunde vor den Osterferien handelte, leitete die Religionslehrerin nach den Ferien zu einer anderen Themeneinheit über.


2. Zentrale Aspekte des Themas

Die Wundererzählungen nehmen innerhalb der neutestamentlichen Evangelienliteratur eine zentrale Stellung ein (vgl. Büttner, 2000, 39). Von daher erfordert eine sachgemäße Auseinandersetzung mit der biblischen Schrift die Beschäftigung mit den Wundergeschichten. Befragt man die Theologie zu der „richtigen“ oder „angemessenen“ Wunderdeutung, so macht man zunächst eine interessante Entdeckung: Hier herrscht kein einheitliches Bild. Das Verständnis von Wundererzählungen hat sich im Laufe der Jahrhunderte stark verändert. Die lange vorherrschende supranaturalistische Deutung ist im Zeitalter der Aufklärung einer rationalistischen Interpretation gewichen. Um der damit einhergehenden Eliminierung des Wunders entgegenzuwirken, entwickelten die Theologen der vergangenen beiden Jahrhunderte Deutungsmöglichkeiten, die den Wunderglauben mit naturwissenschaftlichen Erkenntnissen vereinbar erscheinen lassen. Hierzu zählen die mythische (J. F. Strauß), die religionsgeschichtlich-kerygmatische (R. Bultmann, M. Dibelius, W. Schmithals) sowie die redaktionsgeschichtliche (K. Kertelge, J. Becker u.a.) Wunderinterpretation (vgl. die tabellarische Übersicht bei Kollmann, 2002, 21f). In den letzten Jahrzenten fand die tiefenpsychologische Deutung (E. Drewermann) der Wunder größere Beachtung. Gegenwärtig wird der „dritte Weg“ zwischen Historisierung und Metaphorisierung favorisiert (K. Berger, S. Alkier und B. Dressler): Die Frage nach den Wundererzählungen ist bewusst offen zu halten. Dies wird erreicht, indem wir versuchen unser heutiges Wirklichkeitsverständnis nicht in die Deutung hineinzunehmen – vielmehr gilt es, nach dem Verständnis von Welt und Wirklichkeit des Neuen Testaments zu fragen, d.h. diese fremden Welten zu erkunden (Vgl. Alkier/Dressler, 1998, 163-187 sowie Dressler, 2008, 278-303.).

Im Sinne des dritten Weges ist dem neutestamentlichen Wirklichkeitsverständnis Rechnung zu tragen, demzufolge Wunder nicht als Durchbrechung einer naturgesetzlichen Ordnung sondern als Aufsehen erregende Geschehen zu deuten sind, die auf eine höhere Macht hinweisen. Dem entspricht der neutestamentliche Sprachgebrauch: Statt der Begriffe thauma (Sehenswürdigkeit, Kunststück) und arete (Tüchtigkeitserweis, Heldentat) finden insbesondere die Bezeichnungen dynamis (Machttat) sowie semeion (Zeichen) Verwendung, die zwar im Profangriechischen ebenfalls mit „Wunder“ übersetzt werden können, die jedoch im Neuen Testament mit besonderen Sinnfüllungen versehen sind (vgl. Müller, 2006, 10).

Ein spezifisches Merkmal der neutestamentlichen Wundererzählungen ist die in ihnen zu Tage tretende Überzeugung, dass die Wunder im Zusammenhang mit dem Heilshandeln Gottes an der Welt stehen. Die Wunderhandlungen Jesu wollen nicht als naturwissenschaftliche Aussagen verstanden werden. Vielmehr möchten sie den Blick für die heilvolle Gegenwart Gottes öffnen (vgl. Kollmann, 2002, 11): In ihnen bricht das Reich Gottes an.

Entscheidend für eine angemessene Interpretation neutestamentlicher Wundererzählungen ist demnach eine offene Haltung gegenüber dem neutestamentlichen Wirklichkeitsverständnis. Das eigene – oft unbewusst erworbene – Wirklichkeitsverständnis ist zu reflektieren und gegebenenfalls in Frage zu stellen (vgl. Müller, 2006, 12).

Die Erzählung vom blinden Bartimäus wird durch das Thema der Nachfolge und das Motiv des Weges bestimmt; die wunderbaren Elemente sind jedoch stark zurückgenommen (vgl. Theißen, 1974): Zwar enthält die Erzählung die Schilderung der Notlage (46b) sowie die Bitte um Heilung (47f), doch die Heilung selbst sowie die Bestätigung des Wunders durch die Akklamation der Anwesenden fehlen (vgl. Lührmann, 1987, 182f). Auffällig ist die – im Markusevangelium singuläre – Namensnennung der geheilten Person, die dieselbe noch stärker hervortreten lässt. Die Annahme einer redaktionellen Bearbeitung von Mk 10,46-52 ist Konsens in der exegetischen Wissenschaft.

Dem Aufbau der Erzählung folgend sollen nachstehend einige Schwerpunkte von Mk 10,46-52 skizziert werden.

Mk 8,46 benennt die Stadt Jericho als Ort (der Weg nach Jerusalem führt Jesus durch Jericho, wobei die geographische Nähe der beiden Orte beim Leser vorausgesetzt wird; vgl. Lührmann, 1987, 182; die Doppelung der Ortsangabe deutet darauf hin, dass Jesus und seine Begleiter die Stadt ohne längeren Aufenthalt gleich wieder verlassen; vgl. Gnilka, 1999, 109) und Bartimäus als Hauptperson des Geschehens (Markus liefert sogleich die Übersetzung des Namens: Bartimäus ist Sohn des Timäus; es handelt sich also um ein Patronymikon; vgl. Grundmann, 1984, 297).

Bartimäus ist ein blinder Bettler, der am Rand des Weges von Jericho nach Jerusalem sitzt. In Erinnerung an Mk 8,22-26 mag der Leser angesichts des einleitenden Verses eine Wundergeschichte erwarten – doch Bartimäus wird nicht zu Jesus gebracht, sondern er selbst beginnt zu schreien, als er erfährt, dass Jesus, der Nazarener, vorüberzieht. Mit seinem Ruf „Sohn Davids“ bekennt der Blinde seinen Glauben. Der Titel Davidssohn ist nicht genealogisch sondern messianologisch zu interpretieren: Die Anrufung Jesu ist aber mehr als eine in Gebetsform gekleidete christliche Wendung. Bereits in der Salomo-Überlieferung ist die Anrufung des Davidssohnes mit der Bitte um dessen Erbarmen belegt (vgl. Gnilka, 1999, 110).

Indem die – nicht näher bezeichneten – Leute versuchen, Bartimäus zum Schweigen zu bringen, wird dessen Glaube auf die Probe gestellt. Das Schweigegebot geht von den umher stehenden Menschen aus – es handelt sich hier also nicht um das markinische Messiasgeheimnis, das niemals von den Jüngern oder vom Volk ausgeht (vgl. Gnilka, 1999, 110; Grundmann, 1984, 298 sowie Lührmann, 1987, 183). Mit seinem abermaligen Rufen nach Jesus überwindet der Blinde dieses Hindernis und wird so zu einem Beispiel unerschütterlichen Glaubens. Ohne fremde Hilfe findet Bartimäus zu Jesus, der den Bettler nach seinem Begehren fragt. Die Szene unterstreicht die königliche Vollmacht des Gebetenen, der Bartimäus – vergleichbar einer Audienz – herbeirufen lässt (vgl. Gnilka, 1999, 111). In der aramäischen Anrede Jesu als Rabbuni kommt die Ehrfurcht und vielleicht auch Innigkeit, die der blinde Bettler gegenüber dem „Meister“ empfindet, zum Ausdruck. Die Anrede findet sich sonst nur noch in Joh 20,16 und hat für nichtjüdische Ohren etwas Hoheitsvolles (vgl. Gnilka, 1999, 111 sowie Grundmann, 1984, 298).

Im Blick auf die Erzählung von der blutflüssigen Frau (Mk 5,34) fällt hier auf, dass allein Jesu Feststellung, dass der Glaube den Blinden gerettet habe, zur Heilung führt. Die Bitte des Bartimäus sowie die Schilderung seiner Heilung erinnern an die Verheißung an die Blinden in Jes 42,18 (vgl. Schweizer, 1983, 121). Doch Bartimäus ist nicht nur von seiner Blindheit geheilt, sondern er hat durch seinen Glauben auch Zugang zu Jesus erhalten und tritt in seine Nachfolge (vgl. Gnilka, 1999, 111; Grundmann, 1984, 299 sowie Lührmann, 1987, 183.).

Im Glauben geschieht also Nachfolge und im Aufbau seines Evangeliums lässt Markus unstrittig erkennen, wohin diese Nachfolge führt: Der Weg, den Bartimäus nun mit Jesus als sein Jünger geht, ist der Weg in die Passion (vgl. Gnilka, 1999, 111.).

3. Zentrale Aspekte in der persönlichen Begegnung der/des Lehrenden mit dem Thema

Die Studierenden hatten aufgrund des Themenschwerpunkts ihres Blockseminars (nämlich neutestamentliche Wundererzählungen) die Vorgabe, eine Wundergeschichte unterrichtlich aufzubereiten. Aus der Vielfalt möglicher Erzählungen wählten sie die von der Heilung des blinden Bartimäus aus. Diese Auswahl lässt sich aus Sicht der Studierenden zunächst einmal rein pragmatisch begründen: Aus ihrer eigenen Grundschulzeit ist die biblische Erzählung den angehenden Lehrerinnen recht vertraut. Zudem wird Mk 10,46-52 in einem Großteil der religionspädagogischen Zeitschriften, Aufsätzen und Monographien unterrichtspraktisch aufgearbeitet, so dass die Studierenden auf Erfahrungen und praktische Ratschläge erfahrener Religionsdidaktiker zurückgreifen konnten (so z.B. bei Wittmann, 1994, 94-112; Kollmann, 2001, 59-66; Ritter, 2001, 275-301; Müller-Friese, 2006, 31-35 u.a.). 

Darüber hinaus lässt sich die Wahl der Erzählung vom blinden Bartimäus auch inhaltlich begründen: Zum einen faszinierte die Studierenden die unspektakuläre Schilderung der eigentlichen Heilung, die ja gerade für neutestamentliche Wundergeschichten charakteristisch ist. Zum anderen ist die Geschichte frei von Brüchen und Widersprüchen, die entweder die Aufmerksamkeit der SchülerInnen auf sich ziehen oder aber die Kinder überfordern würden. Stattdessen gewährt die Stringenz der Erzählung die Konzentration auf das eigentliche Geschehen und also das Wunder der Heilung.

Als angehende Lehrerin im sonderpädagogischen Bereich verstand eine der Studierenden die Erzählung auch als Kontrasterfahrung: Menschen mit Behinderungen müssen in der Regel ihre körperliche oder geistige Beeinträchtigung ertragen und annehmen. Hier stellte sich für die Studierende die Frage, wie mit behinderten SchülerInnen über diese biblische Erzählung gesprochen werden könnte.

4. Zur Begegnung zwischen SchülerIn und Thema

Da die biblischen Wundererzählungen den thematischen Schwerpunkt des Blockseminars bildeten, fällt die Darstellung der elementaren Zugänge etwas ausführlicher aus. Zum einen ist das Verhältnis der SchülerInnen zu ihrem bzw. dem biblischen Wunderverständnis in den Blick zu nehmen. Zum anderen ist zu fragen, wie SchülerInnen der Erzählung Mk 10,46-52 begegnen.

In der neueren religionsdidaktischen Literatur herrscht aus entwicklungspsychologischer Sicht weitgehend Übereinstimmung, was den Zugang von Kindern und Jugendlichen zu Wundererzählungen betrifft: In der Grundschule werden die Geschichten meist als unproblematisch angesehen. Kinder haben einen Zugang zu Wundererzählungen; sie mögen sie und lassen sich auf sie ein. In der Regel haben sie eine wörtliche Wahrnehmung der Texte und verstehen die erzählten Wunder als tatsächlich geschehen. In der Religionspädagogik umschreibt man nach Oser/Gmünder die Entwicklungsstufe von GrundschülerInnen mit der lateinischen Formel „do-ut-des“: Ich gebe, damit du gibst, für die u.a. das wörtliche Verstehen kennzeichnend ist. Die hier angedeutete Begegnung von GrundschülerInnen mit Wundererzählungen hat auch die Religionspädagogin Heike Bee-Schroedter in ihrer Untersuchung zur Rezeption neutestamentlicher Wundergeschichten beobachtet (vgl. Bee-Schroedter, 1998). Gleichwohl können schon in der Primarstufe kritische Anfragen von Schülerinnen und Schülern kommen.

In der Sekundarstufe wird dann ein unbefangener Umgang mit Wundererzählungen zunehmend schwieriger. Es tauchen Probleme auf, die mit dem Wirklichkeitsverständnis der Jugendlichen (und der Lehrenden!) zu tun haben. In der Folge werden die biblischen Wundererzählungen selektiv bearbeitet.

Hans-Joachim Blum hat in seiner Untersuchung „Biblische Wunder – heute. Eine Anfrage an die Religionspädagogik“ SchülerInnen zu ihren Deutungen biblischer Wundererzählungen befragt (vgl. Blum, 1997). In sämtlichen abgedruckten Interviews, die Blum mit den Jugendlichen geführt hat, finden sich ambivalente Aussagen zu Wundergeschichten. Dieser offen zu Tage tretende Prozess der Meinungsbildung, in dem sich SchülerInnen der Sekundarstufe befinden, ist Chance und Aufgabe zugleich: Der in der Pubertät anstehende Weltbildparadigmenwechsel verlangt unterstützende und orientierende Angebote durch die Religionslehrkräfte. Die zu beobachtende ablehnende Haltung gegenüber Wundererzählungen wertet Blum als Folge eines wörtlichen Verstehens, das nicht mit dem Verständnis der Alltagserfahrungen zusammengebracht werden kann.

Die SchülerInnen der 6. Klasse befinden sich in der Sekundarstufe I, haben den Primarbereich allerdings noch nicht allzu lange verlassen. Von daher ist zu erwarten, dass die Kinder unterschiedlich mit Wundererzählungen umgehen: Die Akzeptanz von Wundergeschichten kann unhinterfragt neben Zweifeln an eben diesen bestehen. Die Frage, ob die SchülerInnen schon einmal ein Ereignis erlebt haben, das sie als Wunder deuten (könnten), ist nicht ohne Weiteres zu beantworten, hier werden vielmehr biografische Unterschiede zu verzeichnen sein. Dennoch dürften die SchülerInnen in verschiedenen Kontexten (Sportmeldungen, Unfallberichte, Naturereignisse etc.) entdeckt haben (sei es bewusst oder unbewusst), dass Wunder sehr wohl auch in ihrer eigenen Lebenswelt vorzukommen scheinen.

Es ist davon auszugehen, dass die Perikope Mk 10,46-52 aufgrund der nordrheinwestfälischen Lehrplanempfehlungen einem Großteil der SchülerInnen aus der Grundschule bekannt ist. In vielen Grundschulbüchern wird den Kindern die Bartimäuserzählung als Hoffnungs-, oder Glaubensgeschichte oder als Handlungsanweisung präsentiert. Entwicklungspsychologische Überlegungen zu Kindern im Übergang in die Pubertät lassen vermuten, dass manche SchülerInnen die Heilung des blinden Bartimäus nach dem „do-ut-des“-Schema deuten. Es ist jedoch auch damit zu rechnen, dass einige Kinder ernsthafte Zweifel am Vorgang der Heilung äußern. Insbesondere die unspektakuläre Schilderung mag hier Anstoß erregen (vgl. Bee-Schroedter, 1998).

Im Rahmen des Blockseminars haben sich die Studierenden eine eigene Position zu Mk 10,46-52 erarbeitet, die sie den SchülerInnen nicht verschweigen aber auch keinesfalls aufdrängen möchten. Vielmehr entscheiden sie sich im Rahmen ihrer Stundenplanung für eine Beschäftigung mit der Erzählung gemäß des semiotischen Ansatzes (vgl. Alkier/Dressler, 1998 sowie Dressler, 2008, 278-303.): Die Wundererzählung soll zunächst einmal für sich stehen, d.h. ohne Deutungsangebot oder gar Vorgaben für einen angemessenen Zugang. Eine handlungsorientierte, die Sinne ansprechende Beschäftigung mit der Geschichte soll den SchülerInnen helfen, einen Zugang zum Stundenthema zu finden. Mit ihrer Anschaulichkeit hilft Mk 10,46-52 den Kindern, einen Zugang zu Jesu Wundertätigkeit zu finden: Sowohl Bartimäus als auch die umher stehenden Menschen bieten sich den SchülerInnen zur Identifikation an, wodurch die Distanz zum Text überbrückt werden kann.

5. Bausteine zur Stundenplanung

Die Begegnung mit Mk 10,46-52 wird vorwiegend mit Hilfe des entwurf-Themenheftes zu Wundern geplant (vgl. entwurf 4/2006). Die darin von Hartmut Rupp beschriebene Methode der Textraumerkundung (vgl. Rupp, 2006, 22ff) stellt 1. den Schülerinnen und Schülern ein Instrumentarium zur Auslegung biblischer Texte zur Verfügung, entspricht 2. semiotischen Prinzipien der Textauslegung und lässt 3. das biblische Wort zum Erfahrungsraum werden. Die chronologische Durchführung der vorgegebenen vier Schritte „Wie Schauspieler sprechen“, „In der Geschichte spazieren gehen“, „Klickbild“ und „Mit anderen sprechen“ muss dabei nicht zwangsläufig eingehalten werden.

Der erste Schritt wird dahingehend abgewandelt, dass den SchülerInnen eine Nacherzählung von Mk 10,46-52 geboten wird (vgl. Müller-Friese, 2006, 34) – jedoch nur die ersten zwei Drittel. Den Fortgang der Geschichte sollen sich die Kinder selbst ausdenken, schriftlich festhalten und den MitschülerInnen anschließend präsentieren.

In der nachfolgenden Arbeit am biblischen Text bilden die SchülerInnen Gruppen und sollen 10 wichtige Wörter der Geschichte herausfinden. Die Anzahl der Begriffe soll dann in der Diskussion miteinander schrittweise reduziert werden (Vgl. Drégelyi, 2003, 131-135). Die so herausgefilterten Begriffe werden dann in Standbildern dargestellt – hierzu ist die Arbeit in Gruppen vorgesehen, so dass alle SchülerInnen aktiv werden können. Dies entspricht dem 3. Schritt der Textraumerkundung nach Hartmut Rupp. Die Standbilder der einzelnen Gruppen sollen fotografiert und anschließend mit Hilfe von Laptop und Beamer gemeinsam betrachtet werden.

Auch der 4. Schritt der Textraumerkundung von Rupp soll in dem Unterrichtsvorhaben umgesetzt werden: In einem Stuhlkreis notiert jede/r Schüler/in einen Gedanken sowie eine Frage zu Mk 10,46-52 und präsentiert sie den Mitschülerinnen und –schülern. Gemeinsam können die Fragen an der Tafel geclustert werden. Daraus kann sich eine Diskussion ergeben.

Das gemeinsame Hören des Liedes „Wunder gescheh´n“ von Nena schließt den Vormittag ab (zu Wundern in der Popmusik vgl. Pirner, 2006, 45-48).

 

6. Unterrichtsziele

Die SchülerInnen sollen durch die intensive Beschäftigung mit einer biblischen Geschichte zu einer persönlichen Deutung derselben gelangen.

Das Kennenlern-Spiel zu Beginn des Religionsunterrichts soll den SchülerInnen die Gelegenheit geben, sich untereinander noch besser kennen zu lernen und auch den (für sie ja vollkommen fremden) Lehrkräften etwas über sich mitzuteilen. Die Erkundung des Textraumes von Mk 10,46-52 soll die SchülerInnen für biblische Geschichten öffnen: Es gilt, die Identifikationsangebote, die die Erzählung bereithält, zu entdecken sowie die Personen der Erzählung in das eigene Leben sprechen zu lassen. Dabei lernen sie ihnen eher unbekannte Methoden kennen und anwenden. Die SchülerInnen sollen erkennen, dass ihre MitschülerInnen möglicherweise eine andere Wahrnehmung der Erzählung Mk 10,46-52 haben und dass verschiedene Deutungen ihre je eigene Berechtigung haben. Auch sollen sie lernen, dass man Fragen an Texte stellen kann; manche lassen sich eindeutig beantworten („entscheidbare Fragen“), manche nicht („unentscheidbare Fragen“).

Die SchülerInnen sollen sich mit der Frage auseinandersetzen, was die Begegnung mit Jesus für andere Menschen und auch für sie selbst bedeuten kann. Sie sollen lernen, dass ganz unterschiedliche Menschen auf Wunder in ihrem Leben hoffen. So können die SchülerInnen zum Nachdenken über ihr eigenes Wunderverständnis angeregt werden.   

Literaturverzeichnis

Alkier, Stefan/Dressler, Bernhard, 1998, Wundergeschichten als fremde Welten

lesen lernen. Didaktische Überlegungen zu Mk 4,35-41, in: B. Dressler/M. Meyer-Blanck (Hgg.), Religion zeigen. Religionspädagogik und

Semiotik, Münster, 163-187.

Bee-Schroedter, Heike, 1998, Neutestamentliche Wundergeschichten im Spiegel vergangener und gegenwärtiger Rezeptionen. Historisch-exegetische und empirisch- entwicklungspsychologische Studien, Stuttgart

Blum, Hans-Joachim, 1997, Biblische Wunder - heute. Eine Anfrage an die Religionspädagogik, Stuttgart

Büttner, Gerhard, 2000, Warum erzählen wir heute neutestamentliche Wundergeschichten?, Lebendige Katechese 22, 39-42

Drégelyi, Anja, 2003, „Wunder geschehen“ Unterrichtssequenz zur Heilung der gekrümmten Frau (Lk 13,10-13), ru Ökumenische Zeitschrift für den

Religionsunterricht 33, 131-135

Dressler, Bernhard, 2008, Blickwechsel. Religionspädagogische Einwürfe, Leipzig

Gnilka, Joachim, 51999, Das Evangelium nach Markus (EKK II,2), Neukirchen-Vluyn

Grundmann, Walter, 41984, Das Evangelium nach Markus (ThHK II), Berlin

Kollmann, Bernd, 2001, Die Heilung des blinden Bartimäus (Mk 10,46-52) – ein Wunder für Grundschulkinder, ZNT 7, 59-66

Kollmann, Bernd, 2002, Neutestamentliche Wundergeschichten. Biblisch-theologische Zugänge und Impulse für die Praxis, Stuttgart

Lührmann, Dieter, 1987, Das Markusevangelium (HNT 3), Tübingen

Müller, Peter, 2006, Geschichten zum Wundern. Wunder im Alten und Neuen Testament, entwurf, 7-12

Müller-Friese, Anita, 2006, Hoffnungsgeschichten. Wunder in der Sonderschule, entwurf, 31-35

Pirner, Manfred L., 2006, „All I need is a miracle“. Wunder in der Popmusik als Impulse im Religionsunterricht, entwurf, 45-48

Ritter, Werner, 2001, Wundergeschichten, in: R. Lachmann u.a. (Hgg.): Elementare Bibeltexte, Göttingen, 275-301.

Rupp, Hartmut, 2006, Den Textraum erkunden. Eine Methode zur Erschließung von Wundergeschichten, entwurf, 22ff

Schweizer, Eduard, 161983, Das Evangelium nach Markus (NTD 1), Göttingen

Theißen, Gerd, 1974, Urchristliche Wundergeschichten. Ein Beitrag zur formgeschichtlichen Erforschung der synoptischen Evangelien (Studien zum Neuen Testament 8), Gütersloh

Wittmann, Andreas, 1994, Keine Angst! Auch in der Schule kann man sich noch wundern!, ReHe 18, 94-112

 

Worterklärungen

supranaturalistische Deutung: an Jesu Wundern ist nicht zu zweifeln; Gott vollbringt Wunder gegen die von ihm geschaffene Naturordnung

rationalistische Interpretation:  die Wunder Jesu beruhen auf Tatsachen; bei Kenntnis der Umstände haben sie nichts Übernatürliches und der Vernunft Widersprechendes an sich

mythische Wunderinterpretation: die Wunder werden als ungeschichtliche Mythen verstanden; zum Erweis seiner Messianität wurden sie Jesus unter Rückgriff auf alttestamentliche Wundertexte zugeschrieben

religionsgeschichtlich-kerygmatische Deutung: volkstümliche Wundergeschichten und –motive (v.a. aus der hellenistischen Welt) wurden auf Jesus übertragen; die Wundererzählungen berichten keine Tatsachen, sondern sie sind Glaubenszeugnisse und Bilder für etwas anderes

redaktionsgeschichtliche Wunderinterpreation: die Konzentration gilt der Wunderkritik und dem metaphorischen Wunderverständnis der Evangelisten; die historische Frage nach den Wundern Jesu ist zweitrangig

tiefenpsychologische Deutung: die Wunderheilungen Jesu vollziehen sich in der dem Verstand entzogenen Sphäre der Gefühle und sind von daher nicht zu bezweifeln; einzelne Naturwunder finden durch schamanistische Kommunikation mit den Elementen statt

(vgl.  Kollmann, 2002, 21f)

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